Von den beiden grundsätzlichen Online-Kampagnenstrategien „Top-down“ oder „Bottom-up“ hatten alle Kampagnen der Bundestags-Parteien eine klare Tendenz zur Top-down Strategie. Das wirkte sich auch erheblich auf die Parteicommunities aus.

Jede Bundestagspartei hatte im Rahmen des Superwahljahres 2009 eine eigene Parteicommunity initiiert.

Ich habe mich unter einem Pseudonym in allen Communities angemeldet und sie auf Herz und Nieren geprüft. Die nachfolgende Tabelle zeigt meine Bewertung der einzelnen Komponenten:

Union SPD1 FDP Grüne Linke
Konzept Gesamteindruck

(Gewichtung: einfach) (max: 10P)

6 5,5 3,5 5 7
Informationsarchitektur

(Gewichtung: einfach) (max: 9P)

7 6 2 4 7
Funktionsumfang

(Gewichtung: einfach) (max: 26P)

20 17 12 7 19
Funktionsdetails

(Gewichtung: einfach) (max: 8P)

5 4 3 5 7
User / Dialog Anzahl der User

(Gewichtung: doppelt) (max. 10P)

27.800

(6)

19.287

(4)

45.322

(10)

7500

(1,5)

2.409

(0,5)

Aktivität der User

(Gewichtung: doppelt) (max: 5P)

1 2 2 0 2
Qualität des Dialogs

(Gewichtung: doppelt) (max: 11P)

2 6 1 0 2
Externe Bewertung (Seitwert)

(Gewichtung: einfach) (max. 10P)

29,14

(8)

37,06

(10)

34,82

(9)

27,99

(7,5)

22,14

(6)

Ergebnis ohne Anzahl der User ohne externe Bewertung 44 48,5 26,5 21 48
Ergebnis mit Anzahl der User aber ohne externe Bewertung 56 56,5 46,5 24 49
Gesamtergebnis (mit allen Daten)von 115 erreichbaren Punkten 64 66,5 55,5 31,5 55

Blau hinterlegt: Höchster Wert
1 Bei Anzahl der User und der Externen Bewertung wurde wahlkampf09.de bewertet, ansonsten die Parteicommunity „meine SPD“.
Der „Seitwert“ setzt sich zusammen aus verschiedenen technischen und inhaltlichen Kriterien, wie zum Beispiel Gewichtung bei Google und Yahoo, W3C-Kompatibilität, Social Bookmarks und weiteren Faktoren. Details zum Verfahren unter http://www.seitwert.de.

SPD und Union liegen in der Gesamtwertung vorne

Angesichts der Umstände zum Onlinewahlkampf überrascht es, dass SPD und Union in der Bewertung die höchste Punktzahl erreicht haben. Bei einer genaueren Betrachtung der Analysebedingungen wird allerdings offensichtlich welche Kriterien zum hohen Ranking beigetragen haben. Rein konzeptionell hat die Linke mit der Website linksaktiv.de mit 40 von 53 Punkten den besten Wert erzielen können. Dicht gefolgt von der Union mit 38 Punkten und der SPD mit 32,5 Punkten. Für die SPD war es vorteilhaft, die Plattform „meine SPD“ auch für Nichtparteimitglieder zugänglich zu machen, sodass sie hier in der Analyse berücksichtigt werden konnte. Da die Grünen ihre Community „wurzelwerk“ nur für Parteimitglieder zur Verfügung stellten, erreichen sie mit 21 Punkten den schlechtesten Wert. Bei der FDP führten die konzeptionellen Probleme wegen schlechter Navigation und Usability zur zweitschlechtesten Bewertung mit 20,5 Punkten.

Konzeptionelle Probleme in allen Parteicommunities

Dennoch: Konzeptionell waren alle untersuchten Angebote noch nicht ausgereift und sind mehr oder weniger verbesserungsfähig. Selbst die Linke als Siegerin im Bereich Konzept erreichte nur 75% der verfügbaren Punkte. Die durchschnittliche Punktzahl liegt bei rund 30 Punkten und entspricht einem prozentualen Anteil von lediglich 57%. Es gab keine Website, die dem User aber auch dem Parteimitglieder schnell, einfach und zielführend viele unterschiedliche Funktionen mit einem deutlichen Mehrwert auf einer einzigen Seite anbot. Auf die Spitze getrieben mit den unterschiedlichen Websites hat es die FDP – fast jeder dritte Link der „mit mach arena“ führte auf eine externe Seite. Auch im Hinblick auf Gestaltung und Usability haben einige Parteicommunities enormen Nachholbedarf.

Kaum Dialog in den Parteicommunities

Im Bewertungsbereich „User / Dialog“ fällt die durchgängig geringe Aktivität der User auf. Bei den stichprobenartigen Untersuchen fielen immer wieder völlig inaktive User auf, die sich offensichtlich nur angemeldet haben und seit dem nicht wieder aktiv wurden. Das war vor allem bei der Union und ihren knapp 9500 Usern, die von Parteimitarbeitern eingestellt wurden, sehr deutlich sichtbar, galt aber auch für viele andere Netzwerke. Die aktivsten User hatten FDP, SPD und Linke.

Bei der Bewertung der Dialogqualität konnte die SPD offenbar von ihrem schon seit Jahren bestehenden Netzwerk meineSPD.net profitieren. Dort gab es zu den Suchbegriffen Zugangserschwerungsgesetz, Zensur und Netzsperren, die meisten Einträge in Foren, Gruppen und Blogs und die breiteste Debatte zum Thema. Bei der FDP gab es im Forum der „mit mach arena“ noch nicht mal ein eigenes Topic zu diesem Themenkomplex, an der ein oder anderen Stelle, vor allem im Rahmen von Bürgerrechts- und Freiheitsthemen aber kleinere Randbemerkungen. Auf linksaktiv.de war das Zugangserschwerungsgesetz und die damit verbundenen Probleme kein wichtiges Thema. Es gab zwar einige Blogeinträge und auch ein paar Kommentare, eine breite Debatte fiel aber auch hier eindeutig aus. Bei der Union wurde das Thema nur im Kontext des Themas „junge Wähler“ diskutiert. Einen eigenen Topic mit einer breiten und differenzierten Diskussion gab es jedoch nicht. Da die Grünen keine Funktionen für Gruppendiskussionen oder ähnliches zur Verfügung stellten, fiel eine Debatte hier völlig aus.

Die Qualität und Quantität der Dialoge in den verfügbaren Foren, Gruppen und Blogs war erwartungsgemäß mittelmäßig bis sehr schlecht, im Schnitt aber eher schlecht. Die vorhandenen Beiträge waren zwar differenziert und kamen meist auch ohne Polemik aus, es keimte aber keine echte Debatte, wie beispielsweise in der deutschen Blogosphäre auf. Davon abgesehen meldeten sich hier meist die gleichen User mehrfach zu Wort. Insgesamt diskutierten in allen Netzwerken noch nicht einmal 200 Personen über das wichtigste Thema im Onlinewahlkampf.

Da das Thema Zugangserschwerungsgesetz zur Bewertung des Dialogs in den Parteicommunities nicht so gut geeignet war, wurden noch weitere Themen stichprobenartig untersucht. Es stellte sich aber sehr schnell heraus, dass auch andere Themen kaum Relevanz hatten und nicht zu einem umfassenden Dialog beziehungsweise zu einer breiten politischen Debatte in der Community führten. Daher wurden die Themenanalysen dann verworfen und fanden auch keine Berücksichtigung in der Bewertung der Dialogqualität.

Bei einem Blick auf die verfügbaren (maximal elf Punkte) und erreichten Punktzahlen, zeigt sich sehr deutlich die geringe Qualität des Dialogs in den Parteicommunities. Mit einer Durchschnittspunktzahl von 2,2 Punkten muss der Dialog eher als Monolog oder Selbstgespräch bezeichnet werden. Ohne die SPD, die mit sechs Punkten, den mit Abstand besten Wert erzielte, läge die durchschnittliche Punktzahl gerade einmal bei 1,25 Punkten. Dies sind prozentual gemessen rund elf Prozent. Hinzu kommt der Umstand, dass sich aller Wahrscheinlichkeit nach, sehr viele Parteimitglieder in den Communities aufhielten und an den wenigen Debatten beteiligten. Unter dieser Prämisse entsprach der Dialog quasi einer kleinen Parteidiskussion und hatte faktisch keine Relevanz für den Onlinewahlkampf.

Parteicommunities waren nicht erfolgreich

Als Fazit bleibt festzuhalten: Die Parteicommunities waren nicht erfolgreich. Sie hatten für den Onlinewahlkampf im Bezug auf Mitglieder und politische Debatten kaum Gewicht und demnach auch kaum Mobilisierungskraft. Die technische Ausstattungen hinken den derzeitigen Möglichkeiten teilweise einigen Jahren hinterher (Beispiel: kaum AJAX-Technologien eingesetzt). Der Dialog wurde unter wenigen Communitymitgliedern geführt und hatte weder eine kritische Masse noch eine politische Entscheidungsrelevanz. Kaum ein Spitzenpolitiker beteiligte sich an den Parteiangeboten und an den Debatten in den Foren und Blogs der Netzwerke. Von Merkel, Steinmeier, Westerwelle, Künast, Trittin, Lafontaine und Gysi sah und hörte man in den Communities nichts. Außer bei der SPD und da auch eher sporadisch hatte der User keine Möglichkeit politische Themen umfassend zu bewerten. Es gab wenige Aktionen, wenig „Geheimes“ oder „Exklusives“ aus der Kampagnenzentrale, nur sehr wenige kreative Ideen und Aktionen und vor allem gab es kaum glaubwürdige Botschaften, die im Dialog entstanden sind oder sich dem Dialog aussetzten. Die Anreize sich in einer Parteicommunitiy anzumelden waren somit verschwindend gering – das lässt sich auch an den Userzahlen sehr deutlich ablesen.

Dieser Text ist im Rahmen meiner Master-Arbeit “Der dialogorientierte Online-Wahlkampf zur Bundestagswahl 2009″ entstanden.