Gibt es zwischen den Geschlechtern einen signifikanten Unterschied im Wahlverhalten? Beurteilen Frauen und Männer politische Themen und Kandidaten/Kandidatinnen anders? Mindestens für die USA muss dies entschieden bejaht werden!

Die „gender gap“ in den USA

Die demokratischen Präsidenten Bill Clinton und Barack Obama verdanken ihre Präsidentschaft ganz wesentlich einem Geschlecht: Den Frauen! Bei Männern, im Besonderen bei weißen Männern, hatten sie die Präsidentschaftswahlen 1992, 1996, 2008 und 2012 nämlich verloren. Mit ihrem Vorsprung bei Minderheiten (schwarze Bevölkerung und Latinos), aber im Besonderen bei den Frauen, konnten sie ihre Rückstände aber mehr als wettmachen. Wenn im Jahr 2000 nur Frauen hätten wählen dürfen, so wäre zudem Al Gore mit einer komfortablen Mehrheit ins Weiße Haus eingezogen. Gleiches gilt für John Kerry im Jahr 2004. Im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf führt Hillary Clinton gegen ihren Rivalen Donald Trump haushoch bei den Frauen, aber bei den Männern liegt sie zurück. Clintons Vorsprung bei den Frauen ist hierbei so groß, dass er den Vorsprung ihrer männlichen demokratischen Vorgänger weit übertrifft. Hier ist es naheliegend, dass ein extrem frauenfeindlicher republikanischer Kandidat wie Donald Trump, der sich mit sexistischen Äußerungen und Handlungen bei vielen Frauen (und auch Männern) unmöglich gemacht hat, die „gender gap“ noch vergrößert. Erschwerend kommt hinzu, dass Hillary Clinton die erste Präsidentschaftskandidatin einer großer Partei ist. Daher wird sich die „gender gap“ bei der Präsidentschaftswahl 2016 wahrscheinlich sogar noch ausweiten und nicht verringern. Doch woran liegt das?

Unterschiedliche Präferenzen bei Themen und Kandidaten/innen

Generell ist es schwer bis unmöglich, generalisierende Aussagen zu treffen, warum amerikanische Frauen überwiegend demokratische Kandidaten/innen bevorzugen. Diese Frage kann nicht generell, nur individuell beantwortet werden. Dennoch folgt dieses Wahlverhalten einem plausiblen Kern, wenn die Themen und Kandidaten/innen betrachtet werden. So setzen sich die Demokraten sehr viel stärker für gleichen Lohn für die gleiche Arbeit bei den Geschlechtern ein. Zudem besetzen sie stärker Bildungsthemen, die vielen Frauen wichtig sind. Weiterhin sind die Demokraten die Partei, die für Abtreibungsfreiheit einsteht, während die Republikaner dies überwiegend ablehnen. Auch bezüglich des beruflichen Aufstiegs von Frauen waren die Demokraten allgemein positiver eingestellt, als die Republikaner, die eher traditionelle Familienwerte hochhielten. Auch die oft harsche Sprache vieler Republikaner bezüglich Militärschlägen bzw. Kriegen scheint eher Männer denn Frauen anzusprechen. Ein weiterer banaler Grund liegt darin, dass die Demokraten mehr Frauen für wichtige Ämter vorschlagen. Hillary Clinton ist hierbei nur das prominenteste Beispiel. Frauen sind in der Republikanischen Partei hingegen klar unterrepräsentiert.

Wie ist das in Deutschland?

Die Unterschiede in Deutschland sind im Allgemeinen im Wahlverhalten nicht so krass, wie in den USA beschrieben. Doch auch in Deutschland gibt es Unterschiede. So wurden und werden zum Beispiel die Grünen, die Themen der Frauenbewegung übernommen haben, überwiegend von Frauen gewählt, während die FDP eine stark männlich geprägte Partei war und ist. Die CDU genoss in den 1950er-Jahren bei Wählerinnen großen Zuspruch. Die damalige Kirchenbindung vieler Frauen mag hierfür eine Ursache gewesen sein. Seit den 1960er-Jahren wurde die SPD bei Frauen stärker, die CDU hingegen schwächer. Die nachlassende Kirchenbindung vieler Frauen und der Gesellschaft allgemein mag hierfür ein Grund sein. Jedenfalls hatte die SPD zwischen 1969 bis zur Ära Merkel meistens einen Vorteil bei den Frauen. Die SPD setze sich, ähnlich wie die Demokraten in den USA, stärker für das berufliche Fortkommen von Frauen ein, setzte nicht mehr auf ein traditionelles Familienbild wie lange die CDU, kämpfte mehr für gleichen Lohn für gleiche Arbeit und trat für das Abtreibungsfreiheit ein. In allen Punkten war die SPD liberaler und „frauenfreundlicher“ als die CDU, was sich auch in den Wahlergebnissen niederschlug. Dieser Trend ähnelt der Entwicklung in den USA zwischen Demokraten und Republikanern, wenn auch nicht in der gleichen Ausprägung, die in den USA viel deutlicher ausfiel. Mit Angela Merkel änderte sich dies jedoch, mindestens auf Bundesebene. Merkel zog als die erste Bundeskanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik Wählerinnen an. Doch das alleine wäre zu wenig gewesen. Sie reformierte die CDU auch ziemlich radikal, gerade in der Familienpolitik mit ihrer damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen. Die modernisierte CDU wurde für viele Frauen wählbar, die sie noch wenige Jahre zuvor niemals gewählt hätten.

Frauen und die AfD: Keine Sympathie trotz Frauke Petry an der Spitze

Das starke Aufkommen der AfD in zahlreichen Landtagswahlen hat die AfD vor allem einem Geschlecht zu verdanken: Den Frauen? Wegen Frauke Petry an der Spitze? Nein, den Männern. Alle Wählerbefragungen zeigen, dass die AfD sehr viel mehr von Männern, als von Frauen gewählt wird. Dieser Fakt bleibt selbst dann bestehen, wenn ins Kalkül gezogen wird, dass Männer häufiger ihre Meinung sagen, viele Frauen damit vorsichtig sind. So haben männliche AfD-Wähler kein Problem, sich zur gesellschaftlich weitgehend geächteten AfD zu bekennen, weibliche schon sehr viel eher, ihnen ist das unangenehmer. Doch selbst unter Berücksichtigung dieser Tatsache besteht hier eine beträchtliche „gender gap“. Die AfD ist eine männlich geprägte Partei. Die AfD stellt nur wenig Frauen auf, darüber kann Frauke Petry an der Spitze nicht hinweg täuschen. Zudem ist es naheliegend, dass sich viele Frauen auch vom traditionellen Familienbild der AfD abgestoßen fühlen. Auch die harte Sprache dürfte viele Frauen eher abstoßen denn anziehen. Eine Frau an der Spitze bedeutet noch lange nicht, dass die Partei auch viele Wählerinnen bekommt. Das ist ein Unterschied zur CDU unter Angela Merkel, die ihre Partei modernisiert und liberalisiert und damit für viele Frauen attraktiv gemacht hat.

Fazit: Haben Frauen und Männer einen unterschiedlichen Zugang zur Politik?

Selbstverständlich lässt sich das nicht pauschal für alle Menschen sagen. Aber durchschnittliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern lassen sich ausmachen. Frauen interessieren sich häufig für die gleichen Themen wie Männer und umgekehrt, aber es gibt auch unterschiedliche Schwerpunkte, z. B. Beim Thema Lohngleichheit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Abtreibung. Im Durchschnitt sind Frauen oft empathischer als Männer. Harte Sprache und Rücksichtslosigkeit empfinden sie daher eher als abstoßend. Kriegerische Lösungen lehnen sie auch in der Tendenz daher eher ab, da die Empathie für die Opfer der Kriege im Durchschnitt größer ist. Militärische Falken wie Margaret Thatcher oder Vertreterinnen einer harten Flüchtlingspolitik wie Frauke Petry beweisen, dass natürlich nicht alle Frauen friedlich oder besonders empathisch sind. Aber hier geht es um Durchschnittswerte.