Wer hätte das gedacht? Sofern ein Medium in den USA oder in Europa 2015 prognostiziert hätte, dass Donald Trump US-Präsident wird, dann wäre dieses Medium wohl ausgelacht worden. Es hätte sich der Lächerlichkeit preisgegeben. Doch Donald Trump hat es trotz aller rassistischen und sexistischen Ausfälle (oder vielleicht deswegen?) und gegen alle Umfragen und Prognosen geschafft. Der Milliardär und Quereinsteiger siegte über die langjährige Berufspolitikerin Hillary Clinton (auch wenn er weniger Stimmen erhielt). Wie konnte das geschehen? Die folgende Analyse kann es nicht wirklich rational erklären, versucht aber, den Ursachen auf den Grund zu gehen.

Der volksnahe Milliardär, der bei Arbeitern punktet

Bei der Wahl war Trump vor allem bei weißen Männern, hierunter viele Arbeiter, ohne College-Abschluss erfolgreich. Auch wenn sich viele Gewerkschaften gegen ihn aussprachen, so sahen deren Mitglieder in Trump einen Hoffnungsträger. Wie können Arbeiter nur einen Milliardär wählen, der zudem mehrere Pleiten hingelegt hat und stolz darauf ist, keine Steuern zu bezahlen? In der Tat ist das rational nur schwer zu erklären. Erschwerend kommt noch hinzu, dass von Trumps Steuerprogramm überwiegend die vermögenden Schichten profitieren werden – die damit einen echten wirtschaftlichen Grund haben Trump zu wählen.

Aber warum wählten so viele Arbeiter Trump? Trump sprach ihre Sprache, volksnah und rabiat. Damit war er ihnen nahe. Auch Rassismus und Sexismus disqualifizierten ihn in dieser Gruppe nicht unbedingt, eher im Gegenteil. Zudem versprach Trump, verlorene Industriearbeitsplätze zurückzuholen. Geschlossene Stahlfabriken und geschlossene Kohleminen sollen wieder öffnen. Clinton ist aus Klimaschutzgründen gegen die Kohle, also war der kumpelhafte Trump auch der Kandidat der Kumpel und Ex-Kumpel. Diese Versprechungen verband Trump mit einer massiven Kritik an geplanten oder bereits abgeschlossenen Freihandelsabkommen. In den Augen vieler Arbeiter sind durch das Abkommen NAFTA (mit Kanada und Mexiko) viele Arbeitsplätze, vor allem in der Industrie, verloren gegangen. Bei TPP (mit Asien) und TTIP (mit Europa) drohe eine ähnliche Entwicklung. Vor allem in der Handelspolitik punktete Trump bei vielen Arbeitern. Da das NAFTA-Abkommen zudem unter Präsident Bill Clinton abgeschlossen wurde, hatte er hier auch einen Angriffspunkt gegen Hillary Clinton. Doch der mit Abstand wichtigste Grund war für die weißen Arbeiter ein anderer, der aber mit den oben genannten Gründen zusammenhängt: Die politische Elite in Washington und an der Wall Street in New York interessiere sich nicht für die vielen Arbeiter, die ihre Arbeitsplätze entweder verloren haben oder den Verlust selbst schlecht bezahlter Arbeitsplätze fürchten müssen. Die abgehobene Elite habe sich längst von ihnen entfernt und schaue hochnäsig auf sie herab und vertrete nur die Interessen der Wall Street. Ist dieses Gefühl berechtigt? Angesichts der Verzweiflung in manchen darbenden Regionen muss diese Frage mit „Ja“ beantwortet werden. Früher war alles besser – für viele Regionen trifft das tatsächlich zu. Trumps Slogan „Make America great again“ kam daher an.

Trump gab den Verzweifelten eine Stimme. Der Milliardär hat wirtschaftlich einen anderen Hintergrund. Aber er redete wie am Stammtisch nach mehreren Gläsern Bier und das war seine Stärke, nicht Schwäche. Die Kombination aus kumpelhafter Art, volksnaher Sprache und einigen für die Arbeiter verlockenden Programmpunkten ließen ihm hier viele Sympathien zufliegen. Doch im Wesentlichen ging es hier um eines: Hass auf das abgehobene Establishment in Washington! Hass auf die abgehobene Elite! Ausgerechnet ein Milliardär wurde zu einer Stimme und dem Sprachrohr dieses Hasses. Zudem kommt hinzu: Im Gegensatz zu den ganzen „korrupten“ Politikern in Washington D. C. kann die Wall Street einen Milliardär nicht kaufen. Der hat das nicht nötig! Außerdem verzichtete Trump auf die nervige Political Correctness, was ihn cool macht, er hat (einen rabiaten) Humor, ist ein unterhaltsamer Entertainer und man kann bei ihm seine Waffen behalten. Außerdem kann mit ihm Hillary Clinton im Weißen Haus verhindert werden. Viele Trump-Wähler wollen keine Frau im Weißen Haus als Präsidentin oder mindestens nicht diese. Hillary Clinton war und ist für viele so was wie die Symbolfigur für das verhasste Establishment in Washington. Außerdem kann ein erfolgreicher Geschäftsmann wie Trump (Trumps geschäftliche Misserfolge, die es mehrfach gibt, wurden hier von seinen Wählern ausgeblendet) Arbeitsplätze schaffen. Endlich geht mal einer gegen Mexiko und China vor, die amerikanischen Arbeitern die Arbeitsplätze wegnehmen. Gegen Verbrechen und illegale Einwanderung würde unter Trump endlich hart vorgegangen, kein liberaler Weichei-Kurs wie unter Obama. Aus Mexiko kehren abgewanderte Arbeitsplätze zurück. Außerdem zahlt Mexiko für eine Mauer, die illegale Einwanderer von den USA fernhält. Haben Trumps Wähler ihm das alles geglaubt? Wohl nicht alle. Aber Hass auf Washington und Clinton waren als Motiv meistens ausreichend.

So oder so ähnlich dürften die meisten von Trumps Wählern gedacht haben.

Und die Frauen?

Grab them by the…..“

Noch nie ist ein Präsidentschaftskandidat angetreten, der eine so vulgäre und sexistische Sprache verwendet hat, wie Trump. Hinzu kamen zahlreiche Vorwürfe wegen sexueller Nötigung oder Belästigung. Damit ist das Wählerinnenurteil klar: Am Wahltag kriegt Donald Trump von der weiblichen Bevölkerung die Quittung!

Nun ja…..am Wahltag erhielt Trump immerhin mehr als 40% aller weiblichen Stimmen. Hillary Clinton siegte relativ deutlich bei den Frauen, aber bei weitem nicht so deutlich, wie erwartet, und wie sie es benötigt hätte, um Trumps Vorteil bei den Männern ausgleichen zu können. Clinton siegte in der gleichen Größenordnung bei Frauen wie bereits Obama 2012, mit nur leichten Verbesserungen. Daher lässt sich weder erkennen, dass Clinton bei Frauen aus „Solidarität“ einen nennenswerten Frauenbonus hatte oder dass Frauen den sexistischen Kandidaten Trump besonders abgelehnt hätten. Trump siegte sogar bei den weißen Frauen! Lediglich durch die Latino-Frauen und schwarzen Frauen – die mit riesigen Mehrheiten Clinton wählten, die allerdings auch Obama in diesen Gruppen in der gleichen Größenordnung erzielt hatte – kam Hillary Clinton überhaupt bei den Wählerinnen auf eine klare Mehrheit. Trumps Ausfälle gegen Frauen haben ihn vielleicht die eine oder andere Stimme gekostet, aber bei weitem nicht so viele, wie prognostiziert. Andere Themen waren Trumps Wählerinnen wichtiger, zumal auch viele Frauen Hillary Clinton nicht mögen. Wichtigstes Thema: „Den Sumpf in Washington trocken legen.“ Der Hass und die Wut auf das „korrupte“ politische System in Washington einte Trumps Wählerinnen mit dem Kandidaten und den männlichen Wählern. Trump mit seiner Rücksichtslosigkeit soll diesen Sumpf trocken legen! Dafür braucht es einen wie Trump! Mit Mr. Nice Guy braucht man gegen dieses korrupte System nämlich gar nicht erst anzutreten! Dafür braucht es einen echten Kerl wie Trump, der halt redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und dabei manchmal vielleicht etwas übertreibt. So oder so ähnlich werden Trumps Wählerinnen gedacht haben, nicht viel anders, als Trumps Wähler. Wahrscheinlich gaben nicht alle zu, dass sie Trump wählen wollen/werden. Das könnte den Unterschied zwischen Umfragen (pro Clinton) und Wahlergebnis erklären.

Hätten Barack Obama oder Bernie Sanders gegen Trump gewonnen?

Auch wenn Hillary Clinton mehr Stimmen als Donald Trump erzielte und damit das „popular vote“gewann, so verlor sie die Wahl bei den einzig und allein entscheidenden Wahlmännern. Clinton verlor mehr Bundesstaaten als Trump. Ihre Stimmenmehrheit erreichte sie vor allem durch hohe Siege in den bevölkerungsreichen Staaten Kalifornien und New York. Bei der Gesamtzahl der Stimmen (rund 60 Millionen) erreichte sie aber weniger Stimmen als Obama 2008 (fast 70 Millionen) und Obama 2012 (rund 66 Millionen).

Anhänger von Barack Obama werden mit ihrem Urteil schnell bei der Hand sein: Der charismatische Barack Obama hätte selbstverständlich gewonnen! Er ist der viel bessere Redner und Wahlkämpfer! Außerdem witziger, „cooler“ und einfach viel charismatischer. Nun, das ist sicherlich richtig. Allerdings sollte auffallen, dass Obama zwar 2012 wiedergewählt wurde, aber bereits hier Millionen von Wählerinnen und Wählern verloren hatte. Nach vier Jahren Obama hatte sich Enttäuschung eingestellt. Und nach acht Jahren? Zwar hat Obama im Moment relativ hohe Beliebtheitswerte. Dies ist jedoch, abgesehen von George W. Bush oder Jimmy Carter, bei den meisten Präsidenten der Fall, wenn sie das Amt verlassen. Dann kommt unweigerlich eine gewisse Nostalgie auf. Der enorme Ärger und Hass auf Washington lässt auch an Obama zweifeln: Wollte er nicht „change“ nach Washington bringen? Verspricht Trump hier nicht das gleiche wie Obama vor acht Jahren, nämlich Wandel im „korrupten“ Washington? Bei allen krassen Unterschieden zwischen Obama und Trump muss diese Parallele auffallen. Das spricht gegen Obamas Bilanz. Viel spricht dafür, dass Obama, wenn er für eine dritte Amtszeit hätte antreten dürfen, mit noch weiteren Stimmenverlusten hätte rechnen müssen. Der aktuelle Frust quer durch die USA kann nicht zu 100% dem Präsidenten angelastet werden, das wäre unfair. Aber ganz freisprechen kann man ihn auch nicht. Daher ist nicht so sicher, ob Obama Trump geschlagen hätte. Vielleicht hätte er ein paar entscheidende Stimmen mehr mobilisiert, als die eher hölzerne und kühle Clinton. Aber sicher ist das keinesfalls, auch wenn dies Obama-Fans anders sehen mögen.

Und Bernie Sanders? Hier sind sich wiederum dessen Fans sicher, er hätte eine viel bessere Chance gegen Trump gehabt. Hierfür spricht, dass er wie Trump nicht zum Establishment in Washington gehört. Der Quereinsteiger Trump und der politische Außenseiter Sanders sind beide kein Teil des Systems, ganz anders als Clinton. Zudem hätte Sanders besser bei jungen Wählern abgeschnitten. Bei diesen siegte Clinton zwar klar gegen Trump, aber zu viele aus dieser Altersgruppe gingen nicht zur Wahl. Also wäre Sanders als Kandidat besser gewesen? Die genannten Gründe sprechen dafür. Andere Gründe sprechen dagegen. Es ist schwer zu sagen, ob ein jüdischer Kandidat wie Sanders leider auf antisemitische Vorurteile gestoßen wäre oder ob dies kein nennenswertes Problem dargestellt hätte. Clinton hatte offensichtlich leider bei einem Teil der Wähler und wohl auch sogar Wählerinnen mit einem Sexismus-Problem zu kämpfen. Aber auch Sanders hätte leider mit Vorbehalten rechnen müssen. Zudem ist Sanders bereits 74 Jahre alt, vier Jahre älter noch als Trump. Außerdem ist er selbsterklärter „demokratischer Sozialist“. Dass die Amerikaner mehrheitlich einen „Sozialisten“ wählen, ist nur schwer vorstellbar. Dem kann entgegengehalten werden, dass bis zur Wahl Obamas auch ein schwarzer Präsident als unrealistisch gegolten hat. In der Tat kam Sanders bei der jungen Altersgruppe in den Vorwahlen sehr gut an. Aber sonst? Es ist fraglich, ob er in älteren Altersgruppen, die noch den Kalten Krieg erlebt haben, als „Sozialist“ mehr Stimmen geholt hätte, als Clinton. Ausgeschlossen ist es nicht. Aber weder bei Obama noch bei Sanders kann ein sicheres Urteil gefällt werden, ob sie in jedem Fall gewonnen hätten. Mindestens Zweifel sind angebracht.

Was hat Clinton falsch gemacht?

Hillary Clinton führte eine außergewöhnlich professionelle und systematische Kampagne. Sie konnte hierbei auf eine Vielzahl von bezahlten und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern zurückgreifen. Rund ein Viertel der amerikanischen Wähler/innen gaben an, von ihrer Kampagne kontaktiert worden zu sein. Die Clinton-Kampagne war hierbei Trump deutlich überlegen – wenn auch ohne den entscheidenden Erfolg zu gewährleisten. Zudem hatte Hillary Clinton viel Geld zur Verfügung, dass sie für viele TV-Spots verwendete. Insofern kann man ihr keine mangelnde Organisation oder zu geringen Aufwand vorwerfen. Auch ihr mangelndes Charisma kann man ihr nicht vorwerfen. Dieser Nachteil gegenüber Obama oder auch gegenüber Sanders und vor allem gegenüber ihrem eigenen Ehemann ist da, aber nicht zu ändern. Hillary Clinton hat zwar hart an sich gearbeitet, aber eine begnadete Rednerin oder Wahlkämpferin wird sie nicht werden. Als „Anti-Establishment-Kandidatin“ wie Trump oder Sanders oder 2008 Obama konnte sie sich nicht inszenieren, das hätte höchstens Lachsalven ausgelöst. Dass sie Geld von der Wall Street nahm, belastet ihren Ruf. Allerdings hätte sie, wenn sie das Geld abgelehnt hätte, auch viel weniger Geld für die Wahlkampagne zur Verfügung gehabt.

Wirkliche strategische Fehler lassen sich bei der Wahlkampagne allerdings ausmachen: Trumps Stärke im Nordwesten und im Mittleren Westen wurde unterschätzt! In Pennsylvania sah Hillary Clinton die Gefahr kommen. Sie legte ihre „convention“ im Sommer nach Philadelphia, sie absolvierte zudem dort und im übrigen Bundesstaat Pennsylvania viele Wahlkampfauftritte. Gleichzeitig ließ sie ihren Ehemann, Präsident Obama und Vizepräsident Biden in Pennsylvania regelmäßig auftreten. Sie investierte viel in TV-Spots und in eine hervorragende Organisation. Dennoch verlor sie Pennsylvania knapp an Donald Trump. In Ohio verlor Clinton hingegen klar. Vielleicht hätte es etwas gebracht, in Ohio weniger Ressourcen einzusetzen und dafür noch mehr in Pennyslvania. Immerhin hatte Clinton die Gefahr erkannt, dass Pennsylvania zum ersten Mal seit 1988 von einem Republikaner bei einer Präsidentschaftswahl gewonnen werden könnte. So kam es, obwohl Hillary Clinton allein in Philadelphia rund 82% der Stimmen holte. Doch auf dem flachen Land hatte sie gegen Trump keine Chance, der in der Summe den Bundesstaat knapp und überraschend gewann. In Michigan sah die Clinton-Kampagne die Gefahr hingegen zu spät kommen. Erst ganz am Ende wurde viel in den Bundesstaat investiert. Auch dieser scheinbar für die Demokraten sichere Bundesstaat kippte zu Trump. Somit siegte zum ersten Mal ein Republikaner in Michigan seit 1988. In Wisonsin absolvierte Clinton keinen einzigen Wahlkampfauftritt. Dieser Staat schien bombensicher. Am Wahltag kippte er für Trump und damit zum ersten Mal für einen republikanischen Präsidentschaftskandidat seit 1984. Minnesota, seit 1976 demokratisch, wurde nur äußerst knapp und mit viel Glück gehalten, auch hier hätte Trump fast gewonnen. Clinton verlor hier einstige demokratische Hochburgen an Trump oder hielt sie nur ganz knapp. Hierbei stellt sich die Frage, ob die Clinton-Kamapgne nicht zu viel Geld in North Carolina und Arizona ausgegeben hat. Beide Staaten waren bereits von Obama 2012 verloren worden. Geld in Staaten auszugeben, die bereits 2012 von Obama verloren wurden, war eine Überschätzung der eigenen Stärke. Dieses Geld wäre wohl besser zusätzlich in Pennsylvania, Michigan und Wisconsin zur „Verteidigung“ eingesetzt worden. Im Nachhinein war Clintons Kampagne zu optimistisch.

Clinton gewann zwar deutlich bei Frauen, Latinos, Schwarzen und jungen Wählern. Aber in allen vier Gruppen erreichte sie nicht die gewünschte Wahlbeteiligung oder einen noch höheren Prozentsatz, um Trumps großen Vorsprung bei den weißen Männern zu kompensieren. Insgesamt blieb sie hinter Obamas Ergebnis von 2012 und den eigenen Erwartungen zurück. Aber auch Obama wäre wohl 2016 hinter dem Ergebnis von 2012 zurückgeblieben. Daher hat Hillary Clinton, die zudem das „popular vote“ gewann, nicht so schlecht abgeschnitten, wie das jetzt vielleicht dargestellt wird, nur weil sie verloren hat. Immerhin gewann sie Colorado, Nevada und New Mexico mit Hilfe der Stimmen von Latinos, die über Trumps rassistische Äußerungen über mexikanische Einwanderer empört waren. Wahlentscheidend war nicht Florida, das immer umkämpfte Florida kann leicht verloren werden. Auch Obama hat 2012 in Florida nur knapp und mit viel Glück gewonnen, Clinton 2016 nur knapp verloren. Wahlentscheidend war Trumps Einbruch in vermeintlich sichere Bundesstaaten, die von den Demokraten vernachlässigt wurden oder in die mindestens nicht genug investiert worden war, weil sie als sicher galten. Siege in den angeblich sicheren Bundesstaaten Michigan, Wisconsin und Pennsylvania hätten Clinton für die Präsidentschaft gereicht, Florida hin oder her. Insofern ist es ärgerlich, dass die Präsidentschaft verloren ging, da drei Staaten zum ersten Mal seit 1984 bzw. 1988 den Republikaner wählten.

Einen Populisten muss man entlarven!….oder?

Viele Europäer werden mit ihrem Urteil schnell bei der Hand sein: Hillary Clinton hätte Donald Trump als Populisten entlarven müssen! Genau diesen Punkt kann man Hillary Clinton aber nicht vorwerfen! Selten wurde ein Populist so gründlich entlarvt, wie Donald Trump von der Clinton-Kampagne. Von Trump wurde jede sexistische und rassistische Äußerung ausgegraben und ausgebreitet. Es wurde den amerikanischen Arbeitern in der TV-Debatte von Clinton vor Augen geführt, dass Trump selbst billigen chinesischen Stahl für seine Bauten importiert hatte. Zudem wies sie darauf hin, wie lange er keine Steuern bezahlt habe. Für den europäischen und den amerikanischen liberalen Zuhörer ist damit die Sache klar: Dieser Populist ist entlarvt und wird implodieren! Aber nichts davon geschah. Trumps Anhänger verziehen ihm alles oder es störte sie nicht mal. Trump wendete die Vorwürfe sogar dreist gegen Clinton: Er habe doch recht gehabt, das Steuersystem zu seinen Gunsten zu nutzen. Leute wie Hillary hätten eben dumme Gesetze gemacht. In Europa könnte so etwas nie passieren!? In Italien hat Silvio Berlusconi beim Thema Steuern ähnlich gepunktet. An Trump prallte alles ab oder er setzte dreist zum Gegenangriff an. Trumps Anhänger waren gegen jede neue „Entlarvung“ immun. Clinton erreichte Liberale mit ihrer Kritik an Trump, aber niemals Trumps Wählerinnen und Wähler. Aber das war nicht ihr Fehler. Für Trumps Anhänger war jede gelöschte E-Mail Clintons zehn Mal schlimmer als Trumps Skandale oder Ausfälle.

Dass Trump mit seinen unglaublichen rassistischen und sexistischen Ausfällen durchgekommen ist, muss als Schande für die amerikanische Demokratie und den Westen insgesamt gesehen werden. Besonders erschreckend ist hierbei, dass dies über Wochen bekanntgemacht wurde und dennoch für viele Wähler keine Rolle gespielt hat, die den „Sumpf“ in Washington trocken legen wollen. Europäer werden hierüber arrogant die Nase rümpfen. Aber hat Europa angesichts von Brexit, Victor Urban, AfD, FPÖ, Front National etc. Grund zur Arroganz? Nein! Es gibt einen erschreckenden globalen Trend: Das Volk entfernt sich von der politischen und wirtschaftlichen Elite bzw. umgekehrt. Hierin besteht eine große Gefahr für die Demokratie! Rechtspopulisten haben hier eine Chance auf dem Silbertablett serviert bekommen. Sie müssen nur zugreifen. Daher ist es einfach und bequem, den Ausgang der Wahl auf „dumme amerikanische Wähler“ oder eine „elitäre“ Hillary Clinton abzuschieben. In Wirklichkeit ist der Wahlausgang aber der negative Höhepunkt von einem globalen Trend oder besser gesagt innerhalb der sogenannten westlichen Welt. Gibt es diese überhaupt noch? Falls ja, so ist so wohl dabei, sich gerade selbst zu zerlegen. Wenn weiter politische und wirtschaftliche Elite über die Teile der Bevölkerung, die sich abgehängt fühlen, die Nase rümpfen, bekommen auch europäische Länder einen Donald Trump – Ungarn hat ihn schon. Ob Orban, Farage, Wilders, Le Pen oder die AfD: Alle freuen sich über Trumps Wahlsieg. Das ist kein Grund zum Schmunzeln, sondern zum Fürchten. Eine amerikanische rechtspopulistische Homepage, die Trump kontinuierlich unterstützt hat, hat bereits angekündigt, dass sie nach Europa expandieren möchte. Sie sieht hier einen interessanten Markt für sich. Wenn die politische Elite in Europa und den USA nicht in der Lage ist, den Graben zwischen ihr und großen Teilen der eigenen Bevölkerung zu schließen, dann gibt es noch viele Donald Trumps – nicht nur in den USA.