Vor jedem Wahlkampf, ob es sich um eine Bürgermeisterwahl/Landratswahl/Kreistagswahl oder um eine Bundestagswahl oder die amerikanische Präsidentschaftswahl handelt, stehen die verantwortlichen Wahlkampfplaner vor einer schwierigen Frage: Mobilisiere ich vor allem die eigene Wählerklientel? Oder bemühe ich mich vorrangig um Wechselwähler oder gar gegnerische Wähler? Je nach Wahl oder Land kann die Antwort unterschiedlich ausfallen. Doch ein sehr klarer Trend ist erkennbar.

Vor- und Nachteile der Ansätze

Viele Politiker werden auf die Frage, ob sie vor allem die eigene Basis oder lieber Wechselwähler oder sogar gegnerische Wähler von sich überzeugen wollen, antworten: Natürlich am liebsten alles zusammen! Das ist prinzipiell richtig und wünschenswert. Allerdings ginge das von der Annahme aus, dass jede/r Kandidat unbegrenzt viel Zeit, Geld und Wahlkampfhelfer/innen zur Verfügung hat. Genau das ist aber bei keinem/r Kandidat/in der Welt der Fall, egal auf welcher Ebene und in welchem Land. Somit müssen Prioritäten gesetzt werden.

Tendenziell erscheint es verlockend, Wähler des Gegners zu überzeugen. Hiermit schlägt der Kandidat gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Kandidat gewinnt Wählerstimmen und gleichzeitig verliert der Gegenkandidat Wählerstimmen. Hierbei muss jedoch bedacht werden, dass dies eine äußerst schwierige und zeitaufwändige Aufgabe ist. Gegnerische Wähler wollen prinzipiell die Gegenseite wählen, sie werden daher immer unsichere Unterstützer sein, wenn überhaupt. Sie können deshalb bis zum Wahltag leicht wieder verloren werden. Überzeugungsarbeit kostet hier viel Zeit und Kraft. Wechselwähler sind prinzipiell leichter zu erreichen. Jedoch gibt es über Wechselwähler oft völlig falsche Vorstellungen: Es gibt zwar politisch sehr gebildete Wechselwähler, aber diese sind die Ausnahme. Die meisten politisch interessierten Menschen werden sich irgendwann grundsätzlich einer Partei oder Richtung zuordnen. Wechselwähler sind daher oft nur oberflächlich politisch interessiert. Das gilt zum Beispiel auch für die meisten amerikanischen „Independents“, die sich weder den Demokraten noch den Republikanern zuordnen. „Independents“ und auch die in den Umfragen so bezeichneten „undecided voters“ gehören oft zu Gruppen, die sich nur wenig politisch informieren und nach oberflächlichen Stimmungen und Ereignissen ihre Wahlentscheidung treffen und gerade nicht besonders abwägen. Oder sie gehen gar nicht zur Wahl.

Die Mobilisierung der eigenen Basis und der Wählerklientel der eigenen Partei kann in vielen Fällen nicht ausreichend sein. Das hängt von der Wahl und der Verankerung der Partei in der Bevölkerung ab. Viele Kandidaten wollen zudem über die eigenen Anhänger hinaus beliebt sein und allgemeines Ansehen genießen. Eine zu starke parteipolitische Ausrichtung kann auch mitunter schaden, zum Beispiel bei Bürgermeisterwahlen. Doch handelt es sich bei der eigenen Basis um die wichtigsten Unterstützer. Hier sind die im Vergleich sichersten und zuverlässigsten Wähler, aus diesem Pool kommen die meisten Wahlkampfhelfer, hier befinden sich die meisten und wichtigsten Multiplikatoren für den Kandidaten oder die Kandidatin, die auch häufig gezielt von parteipolitisch Ungebundenen nach dem/der Kandidaten/in gefragt werden. Doch gleichzeitig wird diese Gruppe, die eigene Basis, von vielen Politikern am häufigsten ignoriert, da deren Unterstützung als selbstverständlich erachtet wird. Daher wird oft (zu viel) Zeit und Aufwand dafür aufgewendet, Wechselwähler und gegnerische Wähler zu umgarnen.

Kommunale Wahlen

Kommunale Wahlen – mindestens in Deutschland – sind durch eine deutlich niedrigere Wahlbeteiligung gekennzeichnet, als zum Beispiel Bundestagswahlen. Der Pool der Wählerinnen und Wähler ist somit erheblich kleiner, als dies bei einer nationalen Wahl der Fall wäre. Ergibt es nun Sinn, vor allem die eigene Wählerklientel zu überzeugen oder dem politischen Gegner Wähler wegzunehmen? Hierauf lässt sich eine klare Antwort geben: Je niedriger die Wahlbeteiligung, um so eher gewinnt die Seite, die besser ihre eigene Basis mobilisieren kann. Gerade bei Wahlen mit niedriger Wahlbeteiligung macht es am meisten Sinn, sich vor allem auf die Wähler zu konzentrieren, die im Vergleich die sichersten und zuverlässigsten Wähler sind. 100 oder 200 Stimmen von Parteimitgliedern wiegen bei einer Wahlbeteiligung von nur 30%, 40% oder 50% auf kommunaler Ebene (je nach Wahl und Kommune) deutlich mehr, als bei einer Wahlbeteiligung von 80%. Die meisten Bürgermeister, die abgewählt wurden, hatten, sofern sie abgewählt und einer Partei angehörten, Probleme mit der eigenen Partei, mindestens in Teilen der Partei. Der Unmut zog sich von der Partei in die Bevölkerung. Unzufriedenheit in der Bevölkerung sickerte in die Partei. Dieser sich gegenseitig verstärkende Effekt ist bei vielen Abwahlen auf kommunaler Ebene zu beobachten. Unzufriedenheit in der eigenen Partei mit dem Amtsinhaber ist ein ernstes Warnsignal, das häufig ignoriert wird, bis es zu spät ist.

Nationale und regionale Wahlen

Bei Landtagswahlen und Bundestagswahlen ist die Wahlbeteiligung höher. Häufig reicht es hier nicht, „nur“ die eigene Wählerklientel zu mobilisieren. Je nach Bundesland gibt es zudem völlig unterschiedliche Voraussetzungen: Sofern sich die SPD in Bayern zum Beispiel darauf konzentrieren würde, die eigene ihr zugeneigte Wählerklientel zu mobilisieren, könnte sie niemals die Wahl gewinnen. Andererseits, da sie viele Landtagswahlen seit Jahrzehnten in Serie verloren hat, könnte sie mit dieser Strategie vielleicht ihr Ergebnis wieder verbessern.

Auch auf Bundesebene gibt es bei den Parteien unterschiedliche Voraussetzungen. So startet die CDU/CSU meistens mit einem höheren Reservoir an festen Stammwählern als die SPD. Gleichzeitig nimmt die Anzahl an Stammwählern aber ab. Hierbei darf aber nicht übersehen werden, dass zwar vielleicht die Bereitschaft gestiegen ist, auch mal eine andere Partei zu wählen. Aber dennoch ordnen sich die meisten politisch interessierten Menschen einer bestimmten Richtung zu. Die Tatsache, dass der Anteil der Personen gesunken ist, die immer das gleiche wählen, heißt somit nicht, dass sich weniger Wähler grundsätzlich einer politischen Richtung zuordnen. Daher haben die Parteien doch eine relativ klare Wählerklientel, wenn auch weniger feste Stammwähler. Das gilt auch für Bundestags- und Landtagswahlen. Da auch hier die Wahlbeteiligung sinkt, kommt der Mobilisierung der eigenen zugeneigten Wählerklientel ebenfalls eine wichtige Bedeutung zu.

Amerikanische Präsidentschaftswahl 2016

Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl im letzten Monat erzielte die demokratische Kandidatin Hillary Clinton mit weit mehr als 65 Millionen Stimmen ein objektiv gesehen hervorragendes Ergebnis. Das half ihr natürlich nicht, da sie aufgrund des Wahlmännersystems die Wahl dennoch gegen den Republikaner Donald Trump verlor, obwohl sie Trump mit insgesamt rund 2,7 Millionen Wählerstimmen übertraf. Trump holte aber mehr Wahlmänner. Er siegte in den letzten Endes entscheidenden Bundesstaaten und holte sich deren Wahlmänner, besonders in Pennsylvania, Michigan und Wisconsin.

Wohl kaum ein Wahlkampf ist so professionalisiert, wie der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf. Eine Vielzahl von Daten werden erhoben und genutzt. Die laxen amerikanischen Datenschutzgesetze machen hierbei vieles möglich, was in Europa nicht gehen würde. Die neuen sozialen Netzwerke, das Internet allgemein und die alten Medien wie Fernsehen und Radio werden mit Wahlwerbung regelrecht überschüttet. Eine Vielzahl von Zielgruppen werden von den gegnerischen Kampagnen angesprochen. Die gegnerischen Wähler sollen entweder gewonnen, häufiger aber noch nur demotiviert werden. Die eigene Wählerklientel soll mobilisiert, Wechselwähler sollen gewonnen werden. Hierfür steht aufgrund diverser Wahlkampfspenden eine Unsumme an Geld zur Verfügung. Reiche Kandidaten wie Donald Trump bringen selbst Geld für die Kampagne mit, auch wenn er nicht komplett auf Spenden verzichten konnte.

Trotz des vielen Geldes und der hohen Professionalisierung der Wahlkampagnen, die für viele andere Länder vorbildlich ist, bleiben auch für den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf die wichtigsten strategischen Grundregeln bestehen: Es wäre wünschenswert, sowohl die eigene Basis perfekt zu mobilisieren als auch Wechselwähler zu überzeugen und gegnerische Wähler zu „bekehren“. Doch jede/r Kandidat/in hat nur begrenzte Zeit und Kraft bis zum Wahltag. Vor allem sind aber auch die eigenen Ressourcen begrenzt, das heißt Geld und Wahlkampfhelfer. Da Hillary Clinton Millionen von Stimmen mehr erreicht hat als Trump und mehr Geld zur Verfügung hatte, stellt sich die Frage: Wie konnte sie trotzdem verlieren? Die Antwort hierauf muss sein, dass Trump sein Geld und seine Zeit sehr viel effizienter eingesetzt hat. Er hat mit weniger Stimmen mehr Bundesstaaten gewonnen und damit mehr Wahlmänner geholt. Trump hat mit weniger Geld mehr erreicht. Clinton brachen die eigentlich demokratischen Hochburgen Pennsylvania, Wisconsin und Michigan politisch das Genick, die alle mit knapper Mehrheit für Trump votierten. Alle drei Staaten hatten seit 1988 (Wisconsin) oder 1992 (Pennsylvania und Michigan) immer für den demokratischen Kandidaten votiert. Wenn Clinton diese drei Staaten gewonnen hätte, wäre sie im Januar als Präsidentin vereidigt worden. Aufgrund der Vielzahl der verwirrenden Fakten und Daten zur amerikanischen Präsidentschaftswahl kann der entscheidende Kern von Clintons Niederlage strategisch auf einen einfachen Nenner gebracht werden: Es gelang ihr nicht, in entscheidenden Bundesstaaten die eigene demokratische Basis zu mobilisieren. In Pennsylvania, Michigan und Wisconsin gibt es deutlich mehr registrierte Demokraten als Republikaner – daher auch die durchgängigen demokratischen Wahlsiege in diesen Bundesstaaten seit 1988 bzw. 1992 bei allen Präsidentschaftswahlen bis eben 2016.

Eine vielversprechende Strategie: Mobilisierung und Motivation der eigenen Basis

Viele Kandidaten und Amtsträger vergessen eine banale Erkenntnis: Die Basis des eigenen Erfolges ist fast immer die eigene Kernklientel. Das ist so dermaßen simpel, dass es sehr oft übersehen wird. Selbst bei der wahrscheinlich wichtigsten Wahl, die bislang im 21. Jahrhundert stattgefunden hat. In der eigenen Parteibasis sind die treuesten und zuverlässigsten Wähler; hier sind die Wahlkämpfer; hier sind die Multiplikatoren, die von Wählern nach dem/der Kandidaten/in gefragt werden. Zuverlässigkeit wird oft mit Selbstverständlichkeit gleich gesetzt – das ist jedoch falsch! Die eigene Wählerklientel möchte gern für den/die eigene/n Kandidaten/in stimmen, aber sie braucht einen guten Grund. Nur die Warnung vor der Gegenseite reicht nicht allen. Doch werden die meisten treuen Anhänger dennoch für den oder die eigene/n Kandidaten/in stimmen. Doch selbst wenn das immerhin rund 90% sind, können entscheidende Stimmen fehlen.

Viel wichtiger ist jedoch, dass eine motivierte Basis ganz anders Wahlkampf macht. Wenn fast die Hälfte der Demokraten Hillary Clinton nur widerwillig wählt, um Donald Trump zu verhindern, dann macht dies auf Nicht-Demokraten keinen guten Eindruck. Große Teile der eigenen Parteibasis fallen als Multiplikatoren aus. Sie wählen vielleicht gerade noch mit zugehaltener Nase die/den eigenen Kandidaten/in, aber sie werben nicht für ihn/sie. Wenn, wären sie auch nicht glaubwürdig. Trump gewann nicht nur bei den Republikanern, sondern auch bei den Independents, die keiner der beiden großen Parteien angehören. Da sich Hillary Clinton auch sehr um republikanische und Wechselwähler bemühte, liegt daher der Schluss nahe, dass sie den Fokus falsch gesetzt hat. Selbstverständlich mobilisierte auch die eigene Klientel, aber nicht genug. So ging sie häufig in viele republikanisch geprägte Bundesstaaten, wie North Carolina. Das eigentlich bis zu dieser Präsidentschaftswahl seit 1988 immer demokratische Wisconsin ignorierte sie hingegen komplett.

Wenn selbst bei der riesigen amerikanischen Präsidentschaftswahl der Mobilisierung und Motivation der eigenen Parteibasis eine entscheidende Bedeutung zukommen kann, dann gilt das erst recht für Bundestags- und Landtagswahlen und noch mehr für Bürgermeisterwahlen vor Ort. Je kleiner die Wahl, um so geringer die Wahlbeteiligung und um so mehr kommt es auf die eigene Basis und die Multiplikatoren an. Wenn diese über den eigene/n Kandidaten/in am liebsten gar nicht reden wollen und lieber das Thema wechseln, muss das bei anderen Wählern einen verheerenden Eindruck hinterlassen. Daher ist es erstaunlich, dass diese einfache politische Erkenntnis so oft übersehen wird. Viele Politiker weltweit, ob Präsidentschaftskandidatin oder Bürgermeister/in, haben diese Fehleinschätzung bereits mit bitteren Wahlniederlagen bezahlt. Das wird viele andere Amtsträger nicht daran hindern, den gleichen Fehler zu machen. Zwar kann ein/e Bürgermeister/in keine Parteipolitik machen, das würde ihm/ihr ebenfalls schaden. Aber gerade er ist vor Ort auf wohlgesonnene Multiplikatoren aus dem eigenen Lager angewiesen, noch mehr als Hillary Clinton bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl. Die Motivation der eigenen Basis ist der beste Weg, unentschlossene Wähler/innen zu gewinnen. Bei beidem war Hillary Clinton nicht erfolgreich, und hier besteht ein klarer Zusammenhang. Es sollte nicht heißen: Soll ich die Basis motivieren oder lieber unentschlossene Wähler gewinnen? Sondern: Ich muss die Basis motivieren, um unentschlossene Wähler zu gewinnen! Die bittere Lektion von Hillary Clintons Niederlage gilt für Kandidaten kleinerer Wahlen erst recht.