Die Parteien gingen den Bundestagswahlkampf 2017 im Internet höchst unterschiedlich an. Einige Parteien nutzten dabei die Möglichkeiten des Internets deutlich effektiver als die Konkurrenz. Trotz ihrer hohen Geldmittel machten vor allem CDU/CSU und SPD viel zu wenig daraus. Im Gegensatz zum amerikanischen Wahlkampf spielten sogenannte „social bots“ (Meinungsroboter) oder der Nachrichtendienst Twitter keine wesentliche Rolle. Facebook, WhatsApp und you tube waren hingegen wichtige Plattformen, die für Wahlwerbung genutzt wurden. “Micro-Targeting”, das gezielte Ansprechen von eigenen potenziellen Wählergruppen, wurde von den den vier kleineren Parteien durchaus geschickt im Internet eingesetzt.

CDU/CSU – Beim eigenen Wahlkampf eingeschlafen

Nachträglich wirkt es so – die Union verlor mehr als acht Prozentpunkte – als sei die Union beim eigenen Wahlkampf eingeschlafen. Das gilt im Kern auch für den Wahlkampf im Internet. Bloß „keine Experimente“. Doch im lauten und vielfältigen Internet erzeugt man so weder Spannung noch Aufmerksamkeit. Kreuzbrave Videos und Beiträge sprachen nur wenig Zuschauer an. Die größte Partei hatte auf ihrer Facebook-Seite relativ geringe Like-Zahlen von weit unter 200.000. Sie war damit im Internet keinesfalls die größte Partei. Der Fokus lag stark auf traditionellen Vertriebskanälen, weniger auf dem Internet. Bis zum Wahltag schien das dennoch alles zu reichen. Doch viele Abgeordnete der Union haben nun ihr Mandat verloren. Die Regierungsbildung und Regierungsführung wird voraussichtlich äußerst schwierig werden.

https://www.morgenpost.de/politik/article209403515/Wie-die-Parteien-2017-in-den-digitalen-Wahlkampf-ziehen.html

SPD – Kein Risiko, keine Polarisierung

Trotz ihrer guten finanziellen Ausstattung galt für die SPD Ähnliches wie für die Union. Videos und Posts waren meistens viel zu konservativ und uninspiriert. Ja nichts riskieren. Diese Taktik war jedoch nicht erfolgreich. Auch die SPD hat gemessen an ihrer Größe viel zu wenig „Likes“ auf Facebook, weit unter 200.000. Polarisierung wurde weitgehend vermieden, um keine Wähler zu verprellen. Das ging aber nicht auf.

https://www.morgenpost.de/politik/article209403515/Wie-die-Parteien-2017-in-den-digitalen-Wahlkampf-ziehen.html

Grüne – frecher und digitaler als die Volksparteien

Auf Twitter erreichten die Grünen viele Anhänger. Hier konnten sie zwar punkten, allerdings auf einem Medium, das für den deutschen Wahlkampf nur wenig relevant war. Doch auch in anderen sozialen Medien zeigten sich die Grünen gegenüber CDU und SPD frischer und etwas frecher. Die hohe Anzahl von grünen Politikern, die in sozialen Netzwerken zu finden sind, war hierbei für die Partei hilfreich. Die Grünen sind im digitalen Zeitalter deutlich mehr angekommen als CDU und SPD.

http://www.focus.de/regional/stuttgart/medien-wahlkampf-afd-und-gruene-in-sozialen-netzwerken-vorn_id_7623800.html

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/bundestagswahl/alle-schlagzeilen/nutzung-von-facebook-und-co-gruenen-abgeordnete-sind-social-media-champions/20289770.html

 

Linke – Mut zur Polarisierung

Die Linken zeigten sich verbessert. Sie lernten aus Fehler vergangener Jahre. Vor allem auf Facebook sprachen sie gezielt ihre potenziellen Wählergruppen an und hatte hierbei Mut zur Polarisierung. Auf Facebook erhielten sie erstaunlich viele “Likes”, mehr als 200.000 und damit mehr als CDU und SPD. Ein beachtliches Ergebnis. Zwar sind “Likes” keine Stimmen, aber aus ihnen können Stimmen werden, und sie beeindrucken Internet-Nutzer. Erstaunlich, dass auch die Linke sich moderner präsentierte als CDU und SPD.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/parteien-zeigen-im-internet-wahlkampf-wenig-mut-15168510.html

 

FDP – Die Digitalpartei

Die FDP machte – passend zu ihrem Wahlkampfthema Digitalisierung – einen schwungvollen Internetwahlkampf mit pfiffigen Ideen. Gut gemachte und originelle Videos erreichten hohe Nutzerzahlen. Die FDP nutzte hierbei geschickt das Image ihres jungen Spitzenkandidaten Christian Lindner, der das Thema glaubwürdig verkörperte. Thema, Image und Spitzenkandidat passten perfekt zusammen. Die authentische Botschaft kam an. Zusätzlich zeigte Lindner einen erfrischenden Humor, der genau zum Medium Internet passte, indem er sich durchaus auch mal selbst auf die Rolle nahm. Ein starkes Ergebnis in den jüngeren Altersgruppen war die Belohnung für diesen pfiffigen und mutigen Internet-Wahlkampf.

http://www.jetzt.de/politik/die-fdp-und-christian-lindner-haben-das-internet-verstanden-die-inhalte-sind-deshalb-egal

 

AfD – Emotional am stärksten

Mit der FDP den effektivsten Wahlkampf im Internet machte die AfD. Im Gegensatz zu den pfiffigen Ideen der FDP war der Internetwahlkampf der AfD jedoch vor allem brutal und emotional. Ein besonders erfolgreiches Video gab Angela Merkel die Schuld an nahezu sämtlichen Terroranschlägen in Europa. Diese und diverse andere Videos und eine Vielzahl von WhatsApp-Nachrichten, die von der AfD oder AfD-nahen Gruppen oder Sympathisanten versendet wurden, waren nicht selten geschmacklos und hetzerisch – aber gleichzeitig effektiv. Die eigenen Anhänger wurden damit motiviert und emotionalisiert. Die AfD gab einen hohen Anteil ihres Budgets für den Internet-Wahlkampf aus. Eine amerikanische Agentur, die bereits für Donald Trumps Wahlkampf gearbeitet hatte, wurde engagiert. “Micro-Targeting” wurde geschickt betrieben. Die AfD erzielte auf Facebook sehr hohe “Like”-Zahlen, höher als jede andere Partei, nämlich über 300.000. Diese Fokussierung auf das Internet hatte für sie mehrere Vorteile:

  1. Die Medien wurden als „Filter“ umgangen. Botschaften konnten direkt an die eigenen Anhänger abgesendet werden, ob über facebook, youtube oder WhatsApp.
  2. Mit relativ wenig Geld konnten in kurzer Zeit viele Menschen erreicht werden. Die AfD hatte ein deutlich geringeres Budget als beispielsweise SPD und CDU/CSU.
  3. Das Internet eignet sich zur Emotionalisierung. Das kam der AfD entgegen. Sie setzte voll auf die Wut vieler Bürger und heizte diese noch an.

http://www.bild.de/politik/inland/bundestagswahl2017/afd-stark-im-netz-53010608.bild.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/die-afd-im-internetwahlkampf-2017-15186116.html

 

Fazit:

Es ist nicht nachvollziehbar, wie die Parteien mit dem höchsten Wahlkampf-Budget, CDU und SPD, den insgesamt schlechtesten Internet-Wahlkampf machen konnten. CDU/CSU und SPD gingen lieber keine Risiken ein und fuhren risikolos krachende Verluste ein. Die Grünen machten es besser und profitierten von vielen Internet-affinen grünen Abgeordneten. Die Linke hat ebenfalls dazugelernt und sich im Internet-Wahlkampf spürbar verbessert. Den effektivsten Internet-Wahlkampf machten aber FDP und AfD. Letzterer war allerdings moralisch höchst fragwürdig, aber er machte Stimmung und brachte (leider) Stimmen. Die Wahlerfolge von FDP und AfD – die beiden eigentlichen Gewinner der Bundestagswahl – sind auch auf ihren Internet-Wahlkampf zurückzuführen. Es besteht ein offensichtlicher Zusammenhang, dass die beiden Parteien mit dem effektivsten Internet-Wahlkampf auch am Wahltag die stärksten Zugewinne bei der Bundestagswahl verbuchen und sich verdoppeln bzw. verdreifachen konnten. Linke und Grüne mit einem ebenfalls guten Internet-Wahlkampf legten ebenso zu, wenn auch nur wenig, aber immerhin. CDU und SPD verloren hingegen krachend an Wählerstimmen. Werbung im Internet wird offensichtlich immer wichtiger. CDU und SPD haben diesen Trend offensichtlich weitgehend verschlafen. Die vier “kleinen” Parteien warben durch die Bank effektiver um ihre Wähler.