Seit 1949 existierte die demokratische Bundesrepublik Deutschland. Sie folgte der nationalsozialistischen Diktatur, dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte und der Weltgeschichte. Die grausame Ermordung von sechs Millionen Juden, ein unglaublich brutal geführter Zweiter Weltkrieg, der vom nationalsozialistischen Deutschland durch Angriffskrieg begonnen wurde, hinterließen Millionen von Opfer und Scham über die monströsen Verbrechen. Vor allem die Ermordung von sechs Millionen Juden in einem staatlich organisierten Massenmord durch das nationalsozialistische Deutschland macht jeden halbwegs zivilisierten Menschen fassungslos. Durch den Massenmord an sechs Millionen jüdischen Menschen gerieten zahlreiche andere Verbrechen der Nationalsozialisten in den Hintergrund. Hierzu zählen zum Beispiel Überfälle auf andere Länder, die einer menschenverachten Besatzungspolitik durch das nationalsozialistische Deutschland in vielen Ländern voran gingen. Hinzu kommen so viele Massenerschießungen und Hinrichtungen in militärisch besetzten Ländern, dass es hier nicht möglich ist, diese alle aufzuzählen, diesbezüglich sind weitere Millionen Opfer zu beklagen. Zudem wurden neben jüdischen Menschen noch viele andere Menschengruppen systematisch ermordet, zum Beispiel Sinti und Roma oder Menschen mit Behinderungen. Darüber hinaus war der europäische Kontinent 1945 nahezu komplett zerstört, auch Deutschland selbst. Neben den Ermordeten starben durch Kriegshandlungen allein in Europa über 30 Millionen Menschen.

“Nazi” wird in der Bundesrepublik zum Schimpfwort

Angesichts dieser monströsen Verbrechen und des totalen Scheiterns – politisch, moralisch und militärisch – des nationalsozialistischen Deutschlands wurde nach Zweiten Weltkrieg „Nazi“ zu recht in der demokratischen Bundesrepublik zu einem Schimpfwort, jedenfalls in halbwegs zivilisierten Kreisen. Niemand mit auch nur ein bisschen Verstand wollte noch „Nazi“ sein. Demensprechend gab es gesellschaftlich nichts Schlimmeres, denn als „Nazi“ bezeichnet oder dafür gehalten zu werden. Gerade in Deutschland – teilweise auch in anderen Ländern, was hier aber nicht näher untersucht werden soll – war daher die Versuchung groß, gegen den politischen Gegner im Wahlkampf oder in der politischen Auseinandersetzung die „Atombombe“ schlechthin auszupacken: Den Nazi-Vergleich. Eine härtere Attacke als der Nazi-Vergleich ist vor den oben genannten historischen Hintergründen in Deutschland gar nicht möglich. Die Versuchung ist einfach zu groß: Dem politischen Gegner mit einem Nazi-Vergleich es aber wirklich so richtig zu zeigen. Wer mit Nazis verglichen wird, der ist erledigt. Härter kann man den politischen Gegner nicht angehen, der eigene Erfolg ist gewiss. Die Sache hat nur einen wichtigen Haken: Bisher ging jeder Nazi-Vergleich voll nach hinten los! Er hat dem Absender immer geschadet, dem Empfänger manchmal auch, aber nicht unbedingt, und wenn, dann weniger als dem Absender. Im Folgenden kann kein einziges Beispiel aufgezählt werden, wo ein Nazi-Vergleich politisch „gelungen“ ist und politisch „erfolgreich“ war. Es können aber eine Menge Beispiele genannt werden, wo die Absender des Nazi-Vergleichs eigentlich immer in Schwierigkeiten gerieten oder das Gegenteil ihrer Absicht erreichten und sich mehr selbst schadeten.

„Der schlimmste Hetzer seit Goebbels“

Einen berühmten Nazi-Vergleich machte 1985 in einer TV-Debatte der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt (SPD). Er debattierte mit dem damals amtierenden Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Der eigentlich besonnene Brandt, der zudem zu Kohl sonst ein gutes Verhältnis hatte (was im Ausschnitt anders wirkt), war so erregt, dass er den damaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, der kürzlich verstorben ist, als “schlimmsten Hetzer seit Goebbels” bezeichnete. Kohl war empört und wies Brandt zurecht. Die Attacke brachte Geißler Sympathien ein, Brandt musste sich entschuldigen. Die Attacke war hart, doch Geißler war selbst kein Kind von Traurigkeit. In einer Bundestagsdebatte über den NATO-Doppelbeschluss hielt er SPD und Grünen 1983 entgegen, dass “der Pazifismus der 30er-Jahre Auschwitz erst möglich gemacht hat.”

http://www1.wdr.de/stichtag/stichtag3566.html

Die Empörung auf der politischen Linken für diese unglaubliche Bösartigkeit war verständlicherweise riesig. Geißler, der später viele politisch linke Positionen vertrat, schadete sich mit dieser brutalen Attacke dauerhaft. Viele politische Linke konnten und wollten ihm diesen Tiefschlag niemals verzeihen. Brandt wird diese Attacke auch nicht vergessen haben und übte 1985 Vergeltung mit gleicher Münze weit unter der Gürtellinie gegen Geißler in der Debatte mit Kohl.

https://www.youtube.com/watch?v=l5QLziJftAE

Brandt hat jedoch kein Monopol darauf, Heiner Geißler mit Goebbels verglichen zu haben. Der äußerst beliebte und politisch links stehende TV-Moderator Hans Joachim Kulenkampf hielt das ebenfalls für eine gute Idee. Es war wohl das einzige Mal, dass der allgemein beliebte “Kuli” einen Absturz in seiner Beliebtheit hinnehmen und sich schließlich bei Geißler entschuldigen musste. Seine ansonsten glänzende Karriere hatte er kurzzeitig gefährdet, die Empörung war groß. Kulenkampf hielt Geißler sogar für “schlimmer als Goebbels” (siehe ab 7.00 Minuten). Zwar spendete ihm das überwiegend wahrscheinlich politisch links stehende Publikum da noch Beifall. Doch in der Folge musste sich Kulenkampf doch noch kleinkaut bei Geißler entschuldigen.

https://www.youtube.com/watch?v=54f1cQZPUMM

http://www.spiegel.de/fotostrecke/politiker-entgleisungen-fotostrecke-106698-8.html

Im Streit mit Willy Brandt wies Helmut Kohl seinen Vor-Vorgänger für dessen geschmacklosen Nazi-Vergleich 1985 entschlossen zurecht. Das hinderte ihn nicht daran, gleich mehrfach in das gleiche Fettnäpfchen zu treten. 1986 gefährdete er dafür sogar seine Kanzlerschaft, als er ausgerechnet Gorbatschow mit Goebbels verglich. Dieser Nazi-Vergleich sorgte sogar für diplomatische Verwicklungen, die mühsam entschärft wurden.

http://www.helmut-kohl.de/deutsch_sowjetische_beziehungen.html

Kohl lernte jedoch nicht aus diesem Reinfall. Viele Jahre später hielt er es für angemessen, den damaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse als “schlechtesten Präsidenten seit Göring” zu bezeichnen. Die Empörung war ihm gewiss.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/missgriff-kohl-vergleicht-thierse-mit-hermann-goering-a-211988.html

Nazi-Vergleiche im Wahlkampf bieten sich zur Abwertung des politischen Gegners auf den ersten Blick an. Im Bundestagswahlkampf 1980 war der damalige CDU/CSU-Kanzlerkandidaten immer wieder solchen üblen Vergleichen ausgesetzt. Strauß keilte auf die gleiche Weise zurück, siehe Link. Dies schadete ihm jedoch, so jemand wollten die meisten Bundesbürger nicht als Kanzler, sondern jemand mit Selbstbeherrschung. Strauß verlor die Wahl gegen Helmut Schmidt.

https://www.youtube.com/watch?v=WrjVAux9vPM

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aber immer ging der Nazi-Vergleich voll nach hinten los. Meistens trug er sogar zu einer Solidarisierung mit der Person oder den Personen bei, die mit den Nazis verglichen wurden, mindestens in Teilen der Bevölkerung. Niemand, außer absolut Unverbesserliche, möchte gerne mit millionenfachen Massenmördern und skrupellosen Verbrechern wie den Nazis verglichen werden.

 

Der Nazi-Vergleich im Wahlkampf 2017

Im aktuellen Bundestags-Wahlkampf wurde die “politische Atombombe”, also der Nazi-Vergleich, häufig ausgepackt, im Besonderen in der heißen Wahlkampfphase. Um den Einzug der AfD in den Bundestag zu verhindern, wurde gleich mehrfach das schwerstmögliche Geschütz aufgefahren: AfD = Nazis, also ein Nazi-Vergleich nach dem anderen.

https://www.merkur.de/politik/bundestagswahl-2017-afd-stark-gabriel-gibt-merkel-mitschuld-zr-8682986.html

https://www.merkur.de/politik/halbnazis-verfassungsfeinde-schande-so-scharf-warnen-uebrige-parteien-vor-afd-zr-8691609.html

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/bundestagswahl/alle-schlagzeilen/gabriel-attackiert-afd-echte-nazis-am-rednerpult/20315768.html

http://www.huffingtonpost.de/2017/09/04/wagenknecht-weidel-afd-nazis_n_17909670.html

http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Nazi-Schlampe-AfD-Politikerin-Weidel-geht-gegen-Extra-3-vor-id41362206.html

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-09/afd-bjoern-hoecke-ralf-stegner-spd

https://www.youtube.com/watch?v=JlWhGZuwEcI

https://www.nzz.ch/international/die-deutschen-gruenen-attackieren-die-fdp-und-die-afd-ld.1316869

https://news-und-nachrichten.de/artikel/goering-eckardt-bezeichnet-afd-kandidaten-als-nazis/

http://www.n-tv.de/politik/Gabriel-rechnet-mit-AfD-Waehlern-ab-article20028055.html

https://www.welt.de/politik/deutschland/article168057460/Widerlich-Schande-So-reagiert-die-Politik-auf-Gauland.html

https://presse-augsburg.de/presse/schulz-afd-im-bundestag-waere-schande-fuer-deutschland/

http://www.nachdenkseiten.de/?p=40053

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1053664.wer-afd-waehlt-waehlt-auch-nazis.html

Das heutige Wahlergebnis bei der Bundestagswahl zeigt aber: Die Taktik hat wieder nicht funktioniert und ist wohl sogar eher nach hinten losgegangen. Wahrscheinlich haben sich viele potenzielle AfD-Wähler eher noch mit der AfD, die von allen Seiten immer massiver mit Nazi-Vergleichen attackiert wurde, solidarisiert, was zusätzlich mit zum Ergebnis von 13 % für die AfD führte. Die AfD gefiel sich ihrerseits in der Opferrolle einer gegen alle. Sie bot zwar viel inhaltliche und moralische Angriffsfläche als rechte Partei. Von diesen konnte sie aber erfolgreich ablenken und sich stattdessen durchaus effektiv bei ihren Anhängern zum Opfer stilisieren. Die anderen Parteien spielten der AfD eher in die Karten.

Es stellt sich die Frage, wann die Absender eines Nazi-Vergleichs kapieren, dass sie zwar da eine gefährliche Bombe in den Händen haben, diese aber meistens in den eigenen Händen explodiert und nicht in der Hand des Angegriffenen.