Gestern war es soweit: Angela Merkel gegen Martin Schulz, das große TV-Duell. Die Spannung stieg bis ins Unermessliche und um 20.15 Uhr am Sonntagabend lieferten die beiden Haupt-Protagonisten den Höhepunkt dieses Wahlkampfs zur besten Sendezeit. War es so? Alle Leser, die das TV-Duell gesehen haben, werden nun wahrscheinlich schmunzeln. Das Duell glich mindestens zeitweise eher einem Duett. Die Große Koalition verlängerte sich mindestens teilweise gefühlt ins Fernseh-Studio. Sowohl Martin Schulz als auch Angela Merkel machten hierbei aus ihrer Perspektive keinen schlechten Job, das muss festgehalten werden. Aber wirkliche Spannung kam nicht auf. Das Format wirkte eher steril und würgte gerade die Möglichkeiten des Herausforderers ab. Das Kanzleramt hatte zuvor mehr oder weniger auch die Bedingungen des TV-Duells diktiert. Sie fielen – aus der Sicht von Angela Merkel verständlich – nicht so aus, dass der Herausforderer allzu viele Möglichkeiten hatte, Merkel wirklich anzugehen. Schulz musste einerseits angreifen, durfte aber andererseits auch nicht zu aggressiv wirken, ein schwieriges und fast unlösbares Dilemma. An der einen oder anderen Stelle gelang es Schulz dennoch, Merkel mit unangenehmen Punkten in Schwierigkeiten zu bringen. Im Großen und Ganzen jedoch blieb Merkel souverän und parierte relativ gelassen die Angriffe des Herausforderers. Nach Meinung der TV-Zuschauer hat sie denn auch das TV-Duell gewonnen. Schulz schlug sich nach Meinung der Zuschauer aber besser, als es die meisten vorher erwartet hatten. Dennoch ist dies angesichts von Merkels Sieg laut den Umfragen zum Duell und der hohen Führung der CDU in den Wahlumfragen letzten Endes nur ein Trostpreis. Strategisch gesehen kann Merkel mit dem Ausgang des TV-Duells daher sehr zufrieden sein. Schulz kann es nach diesen Maßstäben trotz einer insgesamt guten Leistung nicht sein, denn er hätte wohl mehr gebraucht, um den Trend entscheidend zu drehen.

Die Rolle der Moderatoren

Die vier Moderatoren trugen nicht gerade zur Lebendigkeit der Debatte bei, es waren mindestens zwei Moderatoren zu viel. Aber bei nur einem TV-Duell wollten alle großen Sender in diesem einen Duell jeweils mit einem Moderator teilnehmen. Das tat der Sendung aber nicht gut. Zudem wirkten manche Fragen deplatziert. So wissen die TV-Zuschauer jetzt, dass Angela Merkel und Martin Schulz am Wochenende beide in der Kirche waren. Ebenso sind beide gegen die Fußball-WM 2022 in Katar, die  voraussichtlich erst ein Jahr nach der übernächsten Bundestagswahl 2021 stattfinden wird. Zukunftsthemen wie Bildung, Digitalisierung, bezahlbarer Wohnraum, Energiewende oder Investitionen in die Infrastruktur des Landes kamen hingegen gar nicht oder nur am Rande vor. Das ist eher den Moderatoren als den Kandidaten vorzuwerfen, wobei diese hätten versuchen können, die Themen einzuführen. Im Großen und Ganzen hielt sich Schulz brav an ein Format, aus dem er wohl hätte ausbrechen müssen, um Merkel nicht nur in wenigen Momenten, sondern wirklich ernsthaft in Schwierigkeiten zu bringen. Statt der erwarteten 20 Millionen TV-Zuschauer schalteten übrigens nur rund 16 Millionen ein. Es ist davon auszugehen, dass bei knapperen Umfragen vielleicht eher die anvisierten 20 Millionen hätten erreicht werden können.

Werden TV-Duelle überschätzt?

Die Auswirkungen von TV-Duellen sind schwer pauschal zu beantworten. Um eine Formulierung aus der gestrigen TV-Debatte aufzugreifen: Das kommt auf den Einzelfall an. Derzeit spricht aber alles dafür, dass mindestens das TV-Duell 2017 nicht wahlentscheidend sein wird. Merkel bewahrte im Wesentlichen ihre gute Ausgangsposition für den Wahltag. Allerdings heißt das nicht, dass TV-Duelle von vorneherein unwichtig sind. In den meisten Fällen stehen jedoch die mediale Aufmerksamkeit im Vorfeld des Duells und die tatsächlichen politischen Auswirkungen in keinem Verhältnis. Das dürfte nach menschlichem Ermessen auch bei diesem TV-Duell so sein. Zudem muss hinzugefügt werden, dass der Gewinner des TV-Duells nicht unbedingt die Wahl gewinnt. So gewann Hillary Clinton 2016 laut Umfragen gegen Donald Trump alle drei amerikanischen TV-Duelle, aber dennoch verlor sie die Wahl im wahlentscheidenden Electoral College (sie siegte allerdings im nicht wahlentscheidenden „popular vote“ mit rund 66 Millionen gegen Trumps 63 Millionen Stimmen).

Wer lässt sich überhaupt von TV-Duellen beeinflussen?

Die selbe Frage lässt sich über den Wahlomat stellen. Die meisten politisch interessierten Menschen machen ihre Wahlentscheidung weder vom Wahlomat noch vom Ausgang eines TV-Duells abhängig. Sie haben sich meistens bereits unabhängig davon eine politische Meinung gebildet. Es gibt sehr wohl politisch gebildete Menschen, die in ihrer Wahlentscheidung schwanken. Doch sie sind eine Minderheit. Die meisten politisch Interessierten haben sich schon vor dem TV-Duell eine grundsätzliche Meinung gebildet, die nur schwer zu erschüttern ist. Unter den jetzt noch unentschiedenen Wählern – laut Umfragen immerhin knapp die Hälfte der Bevölkerung – sind sicherlich auch politisch interessierte Menschen. Aber sie werden unter den unentschiedenen Wählern eine klare Minderheit sein. Die meisten der jetzt noch unentschiedenen Wähler interessieren sich nicht oder nur wenig für Politik. Sie sind für die Parteien und Kandidaten daher auch nur schwer zu erreichen. Zudem stellt sich die Frage, ob sie wirklich den Wahlomat mitmachen oder sich anderthalb Stunden lang ein TV-Duell ansehen. Bei vielen der noch unentschiedenen Wähler stellt sich vor allem eine andere Frage: Gehen sie am Ende überhaupt zur Wahl? Das lässt sich nicht sicher sagen. Auch hier – um wieder das Zitat aus dem TV-Duell aufzugreifen – kommt es auf den Einzelfall an. Also TV-Duelle können durchaus den einen oder anderen unentschlossenen Wähler vielleicht erreichen, aber im Regelfall ist nicht davon auszugehen, dass sie die Masse der unentschlossenen Wähler erreichen. Je enger eine Wahl ausgeht, um so eher kann also das TV-Duell einen echten Einfluss auf den Wahlausgang haben. Auch dieser Punkt spricht laut den derzeitigen Umfragen rund drei Wochen vor der Wahl dagegen, dass das Duell 2017 wahlentscheidend sein wird.

Gibt es Beispiele für den Einfluss von TV-Duellen in Deutschland?

In Deutschland gibt es erst seit 2002 TV-Duelle. Gerhard Schröder (SPD) war der erste Bundeskanzler, der sich darauf einließ. Seine Amtsvorgänger Helmut Schmidt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) waren ebenfalls zu TV-Duellen mit ihren Herausforderern aufgefordert worden, hatten aber jeweils abgelehnt. Beide wollten den Kanzlerkandidaten der Gegenpartei nicht aufwerten. Eine Ironie ist hierbei, dass Helmut Kohl 1976 als Kanzlerkandidat ein TV-Duell gegen Helmut Schmidt forderte – was Bundeskanzler Schmidt aber ablehnte – während Helmut Kohl als Bundeskanzler in den 1980er- und 1990er-Jahren seinen SPD-Herausfordern keine Duelle zugestand. Der Medienprofi Schröder gab Stoiber 2002 aber die Chance. Der rhetorisch oft unbeholfene Stoiber schien gegen den redegewandten Niedersachsen keine Chance zu haben. Der „Stern“ brachte diese Erwartungshaltung vor dem TV-Duell mit der gemeinen Formulierung „Ich oder äh“ auf den Punkt. Im ersten Duell schlug sich ein exzellent vorbereiteter Stoiber aber überraschend stark. Schröder wirkte hingegen fahrig. Der Herausforderer konnte also punkten, wie es Schmidt und Kohl vor Schröder befürchtet und deshalb ihrerseits Duelle mit dem Herausforderer abgelehnt hatten. Schröder und Stoiber traten aber – im Gegensatz zu Schulz und Merkel – zu einem zweiten Duell an. Sie konnten somit deutlich mehr Themen behandeln. Im zweiten Duell punktete ein deutlich verbesserter Schröder. Er hatte Stoiber beim ersten Mal offensichtlich fahrlässig unterschätzt. Das zweite TV-Duell gab ihm jedoch Rückenwind. Mit diesem gewonnenen Duell, dem Thema Irak-Krieg und seiner tatkräftigen Reaktion bei der Oder-Flut gewann Schröder Sympathien zurück und siegte bei der Wahl hauchdünn über Stoiber, nachdem er lange in den Umfragen mit seiner SPD hinten gelegen hatte. Stoiber hatte sich allerdings in den TV-Duellen Respekt erworben. Aber unter dem Strich hatte Schröder mindestens vom zweiten Duell profitiert. Aufgrund des knappen Wahlausgangs hatte das Duell somit einen Einfluss auf die Wahl.

Auch 2005 konnte Schröder gegen Merkel im einzigen TV-Duell punkten. Nach Meinung der Zuschauer hatte der Bundeskanzler gewonnen. Diverse Journalisten drehten in ihrer Analyse jedoch den Spieß um: Merkel habe gewonnen, da sie das TV-Duell nicht so deutlich verloren habe, wie erwartet. Diese eigenwillige Logik verfing jedoch nicht. Nachdem die SPD in den Umfragen lange hinten lag, startete Schröder auch nach dem Sieg im TV-Duell eine fulminante Aufholjagd. Am Wahltag siegte die CDU/CSU Angela Merkels nur knapp, aber sie siegte. In der Elefanten-Runde leistete sich Schröder einen denkwürdigen Auftritt, bei dem er die Logik vieler Journalisten vom TV-Duell umdrehte: Er und die SPD hätten die Wahl gewonnen, weil er und die SPD bei weitem nicht so hoch verloren hätten, wie erwartet, sondern nur ganz knapp. Damit kam er jedoch nicht durch, Angela Merkel wurde Bundeskanzlerin. Immerhin hatte das TV-Duell auch hier einen Wahleinfluss. Es gab Schröder Rückenwind, er holte deutlich auf.

Als Amtsinhaberin stellte sich Merkel 2009, 2013 und jetzt 2017 nur einem Duell. Sie hatte hieran eigentlich kein Interesse, da sie und ihre Partei in den Umfragen hoch führten bzw. führen. Aber sie konnte es sich politisch nicht leisten, vor den Duellen ganz zu kneifen. In allen Fällen zeigte Merkel keine überragenden Leistungen, aber sie war stets solide. Jedenfalls konnte keiner der drei SPD-Herausforderer in den drei Duellen gegen sie wirklich entscheidend punkten.

TV-Duelle in den USA

TV-Duelle wurden in den USA erfunden. Hier gibt es auch mehr Beispiele für einen wahlentscheidenden Einfluss. Das erste TV-Duell fand 1960 zwischen John F. Kennedy (Demokraten) und Richard Nixon (Republikaner) statt. Nach Meinung von Radiohörern gewann Nixon, die TV-Zuschauer sahen hingegen Kennedy vorn. Der braun gebrannte und glatt rasierte Kennedy war sehr telegen. Nixon hatte sich hingegen gerade erst von einer Verletzung erholt, er war unrasiert und blass. Dies schadete ihm. Es gab zwar noch weitere Debatten, aber der negative Eindruck der ersten Debatte blieb haften. Dies war für Nixon besonders ärgerlich, da er bei den Radiohörern gewonnen hatte, die ihn nicht sahen. Nixon verlor die Wahl äußerst knapp. Das TV-Duell mag hierfür einen Ausschlag gegeben haben.

Das nächste TV-Duell fand erst 1976 statt. Der damalige Präsident Gerald Ford (Republikaner) hatten in den Umfragen zu einer Aufholjagd angesetzt. Sein Herausforderer Jimmy Carter (Demokraten) schien seinen Vorsprung zu verspielen. Im TV-Duell leistete sich Ford einen unerklärlichen Fehler, als er bestritt, dass das kommunistische Polen zum sowjetischen Dominanz-Bereich gehören würde. Damit schadete er sich erheblich. Er verlor die Wahl äußerst knapp. Es ist schwer zu sagen, aber nicht ausgeschlossen, dass es wahlentscheidend war.

Auch 1980 hatte das TV-Duell erheblichen Einfluss auf den Wahlausgang. Präsident Carter (Demokraten) hatte seinen republikanischen Herausforderer Ronald Reagan als schießwütigen Cowboy porträtiert, den man nicht ernst nehmen könne. Ein exzellenter Auftritt Reagans im einzigen TV-Duell vor der Wahl zerstreute jedoch die Bedenken. Nur wenige Tage vor der Wahl punktete Reagan. Er gewann die Wahl klar, obwohl die Umfragen lange ein enges Rennen gezeigt hatten. Sein starker Auftritt hat hierzu sicherlich entscheidend beigetragen. Reagan punktete mit Humor, Schlagfertigkeit, Sachkenntnis in vielen Themen – die ihm nicht zugetraut worden war – und vor allem einem enorm starken Schluss-Statement. Dieses war so gut, dass Angela Merkel 2005 hieraus Elemente zu übernehmen versuchte. Auch vier Jahre später punktete Reagan wieder mit Humor und Schlagfertigkeit. Der 73-jährige Präsident wurde auf das Thema Alter angesprochen. Er konterte, dass Alter kein Thema sein solle, die jugendliche Unerfahrenheit seines Herausforderers Walter Mondale (damals 56 Jahre alt) wolle er nicht ausbeuten. Der Rest ging im Gelächter unter. Reagan hatte das Talent, Momente zu setzen, an die sich jeder hinterher erinnerte. Die sonstigen anderthalb Stunden gerieten hingegen in Vergessenheit.

Im Jahr 1988 gab es ebenfalls ein denkwürdiges TV-Duell. So wurde dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Michael Dukakis die Frage gestellt, ob er, sollte seine Frau vergewaltigt und ermordet werden, dann für die Todesstrafe für den Mörder sei. Dukakis, ein Gegner der Todesstrafe, antwortete auf diese absolut unverschämte und indiskutabel persönliche und verletztende Frage (seine Frau saß zudem im Publikum) mit Statistiken, die belegen sollten, dass man keine Todesstrafe brauche. Die Wähler waren empört, weniger über die furchtbare Frage, sondern über die kalte Reaktion des Kandidaten. Dukakis verlor die Wahl deutlich gegen George Bush senior (Republikaner). Nur vier Jahre später verpatzte jedoch dieser, inzwischen Präsident, seinen Auftritt, als er bei der Frage einer Bürgerin unruhig wurde und auf die Uhr sah. Sein demokratischer Herausforderer Bill Clinton zeigte hingegen Empathie und gewann die Debatte und später die Wahl.

Fazit:

TV-Duelle können Wahlen entscheiden, aber nur in einer Minderheit der Fälle. Je knapper der Wahlausgang, um so eher ist das der Fall. Vor allem Herausforderer können in TV-Duellen profitieren. Gerhard Schröder hat aber bewiesen, wie auch ein Amtsinhaber ein TV-Duell für sich nutzen kann. Meistens geht es aber für den Amtsinhaber vor allem darum, schwerwiegende Fehler zu vermeiden. Das ist Angela Merkel 2009, 2013 und 2017 gelungen. Oft bleiben aus den TV-Duellen nur einzelne Momente hängen, siehe Ronald Reagan. Zudem muss der Gewinner bzw. die Gewinnerin des TV-Duells bzw. der Duelle nicht immer der Gewinner der Wahl sein – siehe Hillary Clinton 2016. Doch eine wirkliche Spannung kann bei den Duellen eigentlich wohl nur dann aufkommen, wenn die Umfragen knapp stehen.