Die Wahlkämpfe von Stephan Weil bei der Landtagswahl in Niedersachsen und von Martin Schulz bei der Bundestagswahl hatten eine umgekehrte Dynamik. Während Schulz zu Beginn des neuen Jahres 2017 mit viel Zustimmung und hohen Umfragewerten startete, hatte Weil zu Beginn seines Landtagswahlkampfs im Sommer 2017 mit fallenden Werten und negativen Schlagzeilen zu kämpfen. Am Wahltag sah es anders aus: Während Schulz die Bundestagswahl mit dem schlechtesten Ergebnis, das die SPD jemals bei Bundestagswahlen erzielt hat, verlor, siegte Weil überraschend deutlich bei der Landtagswahl in Niedersachen. Die SPD wurde hier zum ersten Mal seit 1998 stärkste Partei.

Natürlich lassen sich eine Bundestags- und eine Landtagswahl nur schwer miteinander vergleichen. So standen in Niedersachsen landespolitische Themen in der Diskussion, die im Bund keine Rolle spielten. Zudem müssen die Wähler über eine völlig andere Regierung mit anderen Personen abstimmen. Dennoch stellt sich die Frage, warum die SPD bei der Landtagswahl in Niedersachen mit Weil satte 17 Prozentpunkte besser abschnitt, als die SPD im Bund nur drei Wochen vorher mit Schulz als Kanzlerkandidat bei der Bundestagswahl. Selbst im Vergleich zum SPD-Ergebnis bei der Bundestagswahl in Niedersachsen bleibt eine satte Differenz von rund 10 Prozentpunkten. Wie ist das zu erklären?

Gegensätze SPD und CDU

Ein wichtiger Unterschied ist zweifellos, dass SPD und CDU in Niedersachsen in keiner Großen Koalition miteinander regierten und sich traditionell gegenseitig stark ablehnen. Die Gegensätze waren nicht gespielt, sondern echt. Zudem hatte die SPD, die in Niedersachsen zusammen mit den Grünen regierte, eine realistische Macht-Option, nämlich die Fortsetzung von Rot-Grün, die sie am Wahlabend nur um Haaresbreite verpasste. Nun bleibt Weil aber immer noch die Möglichkeit, eine Große Koalition mit der CDU zu bilden, aber eine unter Führung der SPD.

Die Gegensätze zwischen SPD und CDU wurden durch den dubiosen Fraktionsübertritt von Elke Twesten von den Grünen zur CDU noch verschärft. SPD und Grüne und große Teile der Bevölkerung fanden das Verhalten von Twesten, aber auch von der CDU, unmöglich. Weil verlor zwar seine Mehrheit, aber er konnte sich fortan als Opfer einer Intrige darstellen, was im Wahlkampf durchaus half.

https://www.welt.de/politik/video167403835/Ich-werde-einer-Intrige-nicht-weichen.html

Auch die Vorwürfe gegen ihn, da er eine Rede über Volkswagen zuvor mit dem Konzern hatte abstimmen lassen, konnte er geschickt kontern. Da er nachweisen konnte, dass auch seine CDU-Vorgänger im Amt bei ähnlichen Anlässen genauso vorgegangen waren, verpufften die Vorhaltungen gegen Weil. Die CDU machte sich unter diesen Umständen mit ihren Attacken sogar unglaubwürdig.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/niedersachsen-vw-absprachen-laut-medien-auch-mit-cdu-und-fdp-a-1162162.html

Weil konnte alle Angriffe gegen sich geschickt abwehren und in steigende Sympathiewerte umwandeln. Inhaltlich bekannte sich Weil zu sozialem Ausgleich, Gemeinschaftsschulen, Inklusion und Umwelt- und Tierschutz in der Landwirtschaft. Er setzte sich damit von der konservativen Niedersachsen-CDU ab. Gleichzeitig trat er so bodenständig auf, dass er vom politischen Gegner nicht als abgehobener Weltverbesserer karikiert werden konnte.

http://www.sueddeutsche.de/politik/wahl-in-niedersachsen-stephan-weil-genosse-der-stunde-1.3710203

Strategie ging auf

Gegenüber dem Herausforderer Schulz hatte Weil als Amtsinhaber den Vorteil, dass er seinen Amtsbonus voll ausspielen konnte. Er tat dies geschickt, selbstbewusst und unaufgeregt. Weils Wahlkampf zeichnete sich durch Ruhe und Kontinuität aus. Der Wahlkampf von Schulz war hingegen durch hektische Richtungswechsel und Verunsicherung geprägt.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/martin-schulz-on-the-road-mit-dem-spd-kanzlerkandidaten-spiegel-titelgeschichte-a-1170992.html

Zu Gunsten von Schulz muss allerdings betont werden, dass es sich bei einer Landtagswahl – trotz ihrer bundespolitischen Bedeutung – ruhiger und leichter Wahlkampf führen lässt, als bei einer Bundestagswahl. Zudem kam Weil zugute, dass ihm bei seiner Wahl die Große Koalition in Berlin nicht mehr wie ein Klotz am Bein hing, da Schulz diese noch am Wahlabend der Bundestagswahl unter dem Jubel der SPD-Parteibasis für beendet erklärt hatte. Zudem kamen Weil sicherlich auch Wähler zugute, die die SPD nach ihrer Klatsche bei der Bundestagswahl drei Wochen später bei der Landtagswahl gewissermaßen zum Ausgleich wieder stärken wollten. Insofern hatte Weil viele günstige Faktoren auf seiner Seite, die Schulz bei seiner Wahl nicht hatte. Doch Weil hob sich in fünf wesentlichen Punkten positiv von Schulz ab:

  1. Weil hatte eine schlüssige Strategie.
  2. Er besaß eine realistische Macht-Option.
  3. Der Ministerpräsident besitzt Selbstvertrauen und damit verbunden eine souveräne und ruhige Ausstrahlung. Schulz wirkte hingegen im Wahlkampf höchst verunsichert und wurde durch seine Berater noch zusätzlich verunsichert.
  4. Weil und seine SPD hatten klare Unterschiede zur CDU.
  5. Er fokussierte sich auf die „eigenen“ Themen.

Beim Europapolitiker Schulz bleibt es zum Beispiel ein großes Rätsel, wieso er ausgerechnet Europa kaum thematisierte. Hier ist er politisch zuhause, aber er wurde falsch beraten.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/martin-schulz-on-the-road-mit-dem-spd-kanzlerkandidaten-spiegel-titelgeschichte-a-1170992.html

Weil konzentrierte sich hingegen auf „seine“ Themen, Bildung, Wirtschaft und Ausbildungsplätze sowie die Innere Sicherheit.

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/landtagswahl_2017/Harter-Schlagabtausch-zwischen-Weil-und-Althusmann,landtagswahl2382.html

Trotz aller Unterschiede zwischen Bundes- und Landtagswahl lässt sich folgendes Fazit aus der für die SPD völlig missratenen Bundestagswahl und der erfolgreichen Landtagswahl in Niedersachsen ziehen: Die SPD kann immer noch Wahlen vor der CDU als stärkste Partei gewinnen, wenn sie als klare Alternative zur CDU wahrgenommen und eine durchdachte Strategie hat, die sie auch konsequent und selbstbewusst bis zum Wahltag durchzieht.