Kategorie: Forschung

Umfragen in der Politik – Damals und heute

Seriöse Wissenschaftler mit solidem Datenmaterial oder obskure Hellseher mit Blick in die Glaskugel? Erfolge und Pannen der Demoskopen Vor jeder Wahl bzw. jedem Referendum spielen Umfragen für den politischen Diskurs eine entscheidende Rolle. Die verschiedenen Umfragewerte werden regelmäßig von den Medien aufgegriffen und verbreitet. Die Kandidaten/innen und Parteien werden ständig mit diesen Zahlen konfrontiert und sind entsprechend gezwungen, sich hierzu zu äußern oder sogar auf diese politisch zu reagieren. Umfragewerte kreieren somit eine politische Eigendynamik. Zudem konnten sie in vielen Fällen den Ausgang einer Wahl ziemlich präzise vorhersagen. In anderen Fällen jedoch lagen die Umfrageinstitute spektakulär daneben. Diese Fälle sind für den Artikel besonders relevant, da sie methodische Schwächen von Umfragen aufdecken.   Die berühmte Blamage des Literary Digest 1936 Die vielgelesene Wochenzeitschrift Literary Digest leitete 1936 ihren eigenen Niedergang ein. Im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl zwischen dem amtierenden demokratischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt und seinem republikanischen Herausforderer Alf Landon, dem Gouverneur von Kansas, führte die Zeitschrift eine sehr umfangreiche Umfrage zum Ausgang der Wahl durch. Trotz riesigen Aufwands lag die Zeitschrift so krass mit ihrer Prognose der Wahl falsch, dass dies die Glaubwürdigkeit des bis dahin beliebten und angesehenen Blattes nachhaltig erschütterte. Insgesamt rund 10 Millionen Wähler wurden angeschrieben von denen etwa 2,4 Millionen antworteten. Fast 60% der Antwortenden bevorzugten den republikanischen Herausforderer Alf Landon, dem die Zeitschrift deshalb einen hohen Wahlsieg vorhersagte. In den fünf vorhergehenden Präsidentschaftswahlen...

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Mythos Wahlentscheidung (8) – Probleme bei der Erforschung

In den vorangegangen Ausführungen wurde häufig die Schwierigkeit und Komplexität des Forschungsgegenstands deutlich. Damit einher gehen vor allem methodische und praktische Probleme bei der Umsetzung eines Forschungsvorhabens. In diesem Artikel sollen daher einige Probleme für ein besseres Verständnis bei der Entwicklung eines Forschungsdesigns skizziert werden. Der Fokus liegt hier besonders auf Problemen bei der Erforschung von Wahlwerbung. Theoretische Fundierung ist mangelhaft Eines der größten Probleme ist die fehlende theoretische Fundierung, deren größte Ursache in der extrem komplexen Realität und der nicht eindeutig definierbaren Gewichtung der allgemeinen und individuellen Einflussvariablen liegt. In der Regel werden Kampagnen, Kampagneneffekte und die damit verbundene Wahlwerbung von zwei verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen mit unterschiedlichen Ansätzen beleuchtet. Trotz der Fortschritte durch das Modell von Dahlem (siehe Artikel "Kombinierte Modelle") existiert (noch) keine einheitliche und anerkannte Theorie, die Studien zur Wirkung von Kampagneneffekten im Allgemeinen und Wirkungen von Wahlwerbung im Spezifischen zulässt. Das theoretische Konstrukt zur Lösung einer abhängigen Variablen – in diesem Fall der Wahlentscheidung – ist meist abhängig von der Forschungsperspektive. Empirische Ergebnisse und die zu Grunde gelegten Theorien können aber erst dann zweifelsfrei Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen, wenn sie in der Lage sind, verschiedene Ergebnisse zu integrieren und vor allem, wenn es keine eindeutigen Widersprüche zwischen verschiedenen Forschungssträngen gibt. Experimentelles Forschungsdesign ungeeignet Zur Erforschung von Ursache-Wirkung-Zusammenhängen ist ein experimentelles Forschungsdesign am Besten geeignet. Die Vorteile dieses Studiendesigns sind die konstanten Laborbedingungen. Die Anzahl der...

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Mythos Wahlentscheidung (7) – Die Rolle der Wahlwerbung

Nachdem nun die wichtigsten Themen rund um die Wahlentscheidung kurz behandelt worden sind, möchte ich auf die Rolle der Wahlwerbung eingehen. Empirische Daten hierzu sind eher spärlich. Die Studie „Wirkungen von Wahlwerbung“ von Nicole Podschuweit ist eine Ausnahme und hat sowohl aus methodischer Sicht, als auch aus Sicht der ermittelten Ergebnisse Modellcharakter in Deutschland.Daher soll diese Studie stellvertretend behandelt werden. Zur Durchführung der Studie nutzte Podschuweit Sekundärdaten auf Basis einer repräsentativen Werberezeptions-Tracking-Studie aus dem Jahre 2002. Die Daten sind im Auftrag des „Zeitungsmonitors“ erhoben worden. Im Bundestagswahlkampf 2002 nutzten auch die Parteien die Möglichkeit, ihre Werbung mit Hilfe des Zeitungsmonitors zu analysieren. Bei der Analyse sind die vorhandenen Werbewirkungskonzepte – wie zum Beispiel das AIDA-Modell (Attention-Interest-Desire-Action) – der Wirtschaft zu Grunde gelegt worden. Dieser Grundlegung geht die Annahme voraus, dass Wahlwerbung von Parteien genauso oder zumindest ähnlich wirkt wie kommerzielle Werbung von Unternehmen. Weiterhin wurden vier verschiedene Wirkungsebenen angenommen und daraus entsprechende Forschungsfragen abgeleitet: Aufmerksamkeit Verarbeitung Erinnerung Entscheidung Ergebnisse der Studie Die Werbemittel der Parteien wurden von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung wahrgenommen und das trotz des enormen Konkurrenzdrucks durch Werbung von Unternehmen. Eine Woche vor der Bundestagswahl war die Aufmerksamkeit für Wahlwerbung am höchsten. In dieser Zeit konnten sich 70 Prozent gestützt (also auf Nachfrage) an Wahlwerbung erinnern. Betrachtet man die Ergebnisse im Zeitreihenvergleich, kann man davon ausgehen, dass innerhalb des Untersuchungszeitraums von Juni bis September 2002 nahezu...

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Mythos Wahlentscheidung (6) – Kombinierte Erklärungsmodelle

Wie in den vorangegangen Artikeln (politikwissenschaftliche und medienwissenschaftliche Erklärungsmodelle) schon deutlich wurde, existieren bisher keine integrierenden Theorien oder Modelle zur Wahlentscheidung, die die beiden Disziplinen Politikwissenschaft und Medienwissenschaft in dieser Fragestellung zusammenführen. Hans Mathias Kepplinger bringt es auch hier wieder auf den Punkt: „Jahrzehntelang haben zahllose Politik- und Publizistikwissenschaftlicher nebeneinander her gearbeitet, ohne sich gegenseitig zur Kenntnis zu nehmen. Die Folgen sind theoretische und methodische Defizite auf beiden Seiten sowie eine wachsende Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis.“ (Kepplinger, Hans Mathias in Dahlem 2001:11) Stefan Dahlem hat mit seiner Dissertation „Wahlentscheidung in der Mediengesellschaft“ einen Entwurf für ein integriertes Modell vorgestellt und auch offen gelegt, welche Forschungslücken bestehen. In diesem Modell sind erstmalig alle relevanten Faktoren der Wahlentscheidung integriert. Mit dieser Arbeit wurde somit der Grundstein für eine interdisziplinäre Wahlforschung gelegt. Allerdings ist das Modell zunächst nur ein Ansatz, dessen empirische Modellierung in ein tragfähiges Studiendesign transferiert werden muss. Dahlem stellt mit einer umfassenden Literaturanalyse deutlich heraus, dass die jeweiligen Wissenschaften keine Alleinerklärungsbasis für den komplexen Prozess der Wahlentscheidung bieten können. Das sozialpsychologische Modell aus Ann-Arbor beispielsweise geht davon aus, dass die Wähler ihre Entscheidung neben der Parteiidentifikation anhand von Kandidaten- und Themenorientierungen treffen. Allerdings hinterfragt diese theoretische Konstruktion überhaupt nicht, woher die Wähler ihre Informationen über Kandidaten und Themen haben, anhand derer sie schließlich entscheiden sollen. Werden nun bei der Analyse objektiv überprüfbare Fakten, wie zum Beispiel die Arbeitslosenquote...

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Mythos Wahlentscheidung (5) – Medienwissenschaftliche Erklärungsmodelle

Im letzten Artikel wurden die wichtigsten politikwissenschaftlichen Erklärungsmodelle zum Wahlverhalten kurz vorgestellt. Doch die Massenmedien und deren Einflüsse wurden gerade in den politikwissenschaftlichen Ansätzen stark vernachlässigt und allenfalls am Rande berücksichtigt. Das passt aber nicht zu den vielen Erkenntnissen der Medienforschung und vor allem nicht zu dem Umstand, dass die Medien für die Politik Öffentlichkeit herstellen. Ohne diese Öffentlichkeit sind die Wähler in einem demokratischen System nicht oder nur schwer in der Lage, unabhängige Informationen über Parteien und Kandidaten zu beziehen. Ähnlich verhält es sich aber auch mit den medienwissenschaftlichen Ansätzen der Forschung. Denn dort existieren keine Komponenten, die die wählerzentrierten Faktoren angemessen berücksichtigen. Zu den wichtigsten Forschungsfeldern und Ansätzen gehören Agenda-Setting, Uses and Gratifications, Schweigespirale, Priming und Framing, Two-Step-Flow of communications und das einfache Stimulus-Response Modell. Diese Modelle und Ansätze alle vorzustellen macht an dieser Stelle keinen Sinn. Festzuhalten ist allerdings, dass die verschiedenen Ansätze zum Teil sehr plausible Erklärungen über den Einfluss der Medien auf Themenagenda, Kompetenzbewertung von Politikern, das öffentliche Bild von Parteien und Politikern und die daraus resultierende Wahrnehmung bei den Wählern liefern können. Doch keines der oben genannten Modelle berücksichtigt elementare Komponenten der politikwissenschaftlichen Theorien. Begriffe und Faktoren wie Parteiidentifikation, Persönlichkeit, Werte und Ideologien sowie soziales Umfeld sind der Medienwissenschaft weitestgehend fremd. Und auch für den Bereich der Wahlwerbung, welcher tendenziell eher bei der Medienwissenschaft anzusiedeln ist, existiert kein spezielles Modell zur Erklärung der...

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