Kategorie: Medien

Mythos Wahlentscheidung (8) – Probleme bei der Erforschung

In den vorangegangen Ausführungen wurde häufig die Schwierigkeit und Komplexität des Forschungsgegenstands deutlich. Damit einher gehen vor allem methodische und praktische Probleme bei der Umsetzung eines Forschungsvorhabens. In diesem Artikel sollen daher einige Probleme für ein besseres Verständnis bei der Entwicklung eines Forschungsdesigns skizziert werden. Der Fokus liegt hier besonders auf Problemen bei der Erforschung von Wahlwerbung. Theoretische Fundierung ist mangelhaft Eines der größten Probleme ist die fehlende theoretische Fundierung, deren größte Ursache in der extrem komplexen Realität und der nicht eindeutig definierbaren Gewichtung der allgemeinen und individuellen Einflussvariablen liegt. In der Regel werden Kampagnen, Kampagneneffekte und die damit verbundene Wahlwerbung von zwei verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen mit unterschiedlichen Ansätzen beleuchtet. Trotz der Fortschritte durch das Modell von Dahlem (siehe Artikel "Kombinierte Modelle") existiert (noch) keine einheitliche und anerkannte Theorie, die Studien zur Wirkung von Kampagneneffekten im Allgemeinen und Wirkungen von Wahlwerbung im Spezifischen zulässt. Das theoretische Konstrukt zur Lösung einer abhängigen Variablen – in diesem Fall der Wahlentscheidung – ist meist abhängig von der Forschungsperspektive. Empirische Ergebnisse und die zu Grunde gelegten Theorien können aber erst dann zweifelsfrei Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen, wenn sie in der Lage sind, verschiedene Ergebnisse zu integrieren und vor allem, wenn es keine eindeutigen Widersprüche zwischen verschiedenen Forschungssträngen gibt. Experimentelles Forschungsdesign ungeeignet Zur Erforschung von Ursache-Wirkung-Zusammenhängen ist ein experimentelles Forschungsdesign am Besten geeignet. Die Vorteile dieses Studiendesigns sind die konstanten Laborbedingungen. Die Anzahl der...

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Mythos Wahlentscheidung (6) – Kombinierte Erklärungsmodelle

Wie in den vorangegangen Artikeln (politikwissenschaftliche und medienwissenschaftliche Erklärungsmodelle) schon deutlich wurde, existieren bisher keine integrierenden Theorien oder Modelle zur Wahlentscheidung, die die beiden Disziplinen Politikwissenschaft und Medienwissenschaft in dieser Fragestellung zusammenführen. Hans Mathias Kepplinger bringt es auch hier wieder auf den Punkt: „Jahrzehntelang haben zahllose Politik- und Publizistikwissenschaftlicher nebeneinander her gearbeitet, ohne sich gegenseitig zur Kenntnis zu nehmen. Die Folgen sind theoretische und methodische Defizite auf beiden Seiten sowie eine wachsende Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis.“ (Kepplinger, Hans Mathias in Dahlem 2001:11) Stefan Dahlem hat mit seiner Dissertation „Wahlentscheidung in der Mediengesellschaft“ einen Entwurf für ein integriertes Modell vorgestellt und auch offen gelegt, welche Forschungslücken bestehen. In diesem Modell sind erstmalig alle relevanten Faktoren der Wahlentscheidung integriert. Mit dieser Arbeit wurde somit der Grundstein für eine interdisziplinäre Wahlforschung gelegt. Allerdings ist das Modell zunächst nur ein Ansatz, dessen empirische Modellierung in ein tragfähiges Studiendesign transferiert werden muss. Dahlem stellt mit einer umfassenden Literaturanalyse deutlich heraus, dass die jeweiligen Wissenschaften keine Alleinerklärungsbasis für den komplexen Prozess der Wahlentscheidung bieten können. Das sozialpsychologische Modell aus Ann-Arbor beispielsweise geht davon aus, dass die Wähler ihre Entscheidung neben der Parteiidentifikation anhand von Kandidaten- und Themenorientierungen treffen. Allerdings hinterfragt diese theoretische Konstruktion überhaupt nicht, woher die Wähler ihre Informationen über Kandidaten und Themen haben, anhand derer sie schließlich entscheiden sollen. Werden nun bei der Analyse objektiv überprüfbare Fakten, wie zum Beispiel die Arbeitslosenquote...

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Mythos Wahlentscheidung (5) – Medienwissenschaftliche Erklärungsmodelle

Im letzten Artikel wurden die wichtigsten politikwissenschaftlichen Erklärungsmodelle zum Wahlverhalten kurz vorgestellt. Doch die Massenmedien und deren Einflüsse wurden gerade in den politikwissenschaftlichen Ansätzen stark vernachlässigt und allenfalls am Rande berücksichtigt. Das passt aber nicht zu den vielen Erkenntnissen der Medienforschung und vor allem nicht zu dem Umstand, dass die Medien für die Politik Öffentlichkeit herstellen. Ohne diese Öffentlichkeit sind die Wähler in einem demokratischen System nicht oder nur schwer in der Lage, unabhängige Informationen über Parteien und Kandidaten zu beziehen. Ähnlich verhält es sich aber auch mit den medienwissenschaftlichen Ansätzen der Forschung. Denn dort existieren keine Komponenten, die die wählerzentrierten Faktoren angemessen berücksichtigen. Zu den wichtigsten Forschungsfeldern und Ansätzen gehören Agenda-Setting, Uses and Gratifications, Schweigespirale, Priming und Framing, Two-Step-Flow of communications und das einfache Stimulus-Response Modell. Diese Modelle und Ansätze alle vorzustellen macht an dieser Stelle keinen Sinn. Festzuhalten ist allerdings, dass die verschiedenen Ansätze zum Teil sehr plausible Erklärungen über den Einfluss der Medien auf Themenagenda, Kompetenzbewertung von Politikern, das öffentliche Bild von Parteien und Politikern und die daraus resultierende Wahrnehmung bei den Wählern liefern können. Doch keines der oben genannten Modelle berücksichtigt elementare Komponenten der politikwissenschaftlichen Theorien. Begriffe und Faktoren wie Parteiidentifikation, Persönlichkeit, Werte und Ideologien sowie soziales Umfeld sind der Medienwissenschaft weitestgehend fremd. Und auch für den Bereich der Wahlwerbung, welcher tendenziell eher bei der Medienwissenschaft anzusiedeln ist, existiert kein spezielles Modell zur Erklärung der...

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Mythos Wahlentscheidung (4) – Politikwissenschaftliche Erklärungsmodelle

Zur Erklärung des Wahlverhaltens und politischen Einfluss auf den Wähler allgemein haben zwei wissenschaftliche Disziplinen unabhängig voneinander verschiedene Theorien entwickelt. Die Politikwissenschaft hat dabei den wählerzentrierten Standpunkt eingenommen, die Medien- bzw. Kommunikationswissenschaft den medienzentrierten Standpunkt. In der Politikwissenschaft wird zwischen drei relevanten theoretischen Modellen zur Erklärung des Wahlverhaltens unterschieden. Zum Einen das soziologische Erklärungsmodell der Columbia School (mit mikro- und makro-soziologischen Ansätzen). Das zweite Modell – Ann Arbor – betrachtete das Wahlverhalten stärker auf der Individualebene, der Ansatz wird demnach auch als sozialpsychologischer Ansatz bezeichnet. Die „Rational Choice“ Theorie oder auch „Ökonomischer Ansatz“ ist der letzte relevante Ansatz (der hier aber nicht weiter vorgestellt wird). Im Folgenden werden die ersten beiden Modelle kurz angerissen. Sozialpsychologisches Modell (Ann-Arbor) Unter dem Titel „The American Voter“ veröffentlichten Campbell et al. in den 1960er Jahren an der University of Michigan in Ann Arbor das in der Praxis relevanteste Forschungsmodell – den sozialpsychologischen Ansatz. In diesem Werk ging es im Gegensatz zum zuvor veröffentlichen Columbia-Modell (mikro-soziologischer Ansatz) und dem makro-soziologischen Ansatz weniger um den gesellschaftlichen Kontext, in dem Wähler ihre Wahlentscheidung treffen, sondern mehr um die individuellen Faktoren. Der Theorie liegt die Annahme zugrunde, dass Wahlentscheidungen nicht sozial-strukturell bestimmt werden, sondern ein Ergebnis von verschiedenen lang- und kurzfristigen Einflüssen auf den einzelnen Wähler sind. Soziologisches Modell (Columbia-School) In den soziologischen Ansätzen bestimmt vor allem das soziale Umfeld, welche Partei oder welchen Kandidaten ein Wähler...

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Mythos Wahlentscheidung (3) – Interne Wirkungsfaktoren

Die Wahlentscheidung ist ein komplexer Prozess, der durch interne und externe, sowie durch langfristige und kurzfristige Faktoren gesteuert wird. Im letzten Artikel wurden die „externen Wirkungsfaktoren“ vorgestellt und darauf hingewiesen, dass die Faktoren nicht klar voneinander abgegrenzt werden können. Die internen Wirkungsfaktoren Mit den internen Wirkungsfaktoren sind alle Faktoren gemeint, die sich auf Gefühle, Meinungen und Einstellungen einer Person beziehen. Dazu gehören: Persönlichkeit Werte und Ideologien Parteiidentifikation Einstellungen zu politischen Sachfragen Einstellungen zu Kandidaten eigene Beobachtungen Persönlichkeit Die mitunter wohl wichtigste Variable zur Erklärung des Wahlverhaltens ist die Persönlichkeit eines Menschen. Die Fragen hierzu sind: Welche Einstellungen und welche Vorstellungen sind vorhanden? Wie lief der allgemeine und der politische Sozialisationsprozess ab? Neigt die Person zu autoritären Strukturen, usw.? Und natürlich ist das Wahlverhalten auch eine Frage von Interesse, Intelligenz und von Rationalität. Wählt eine Person eher aus sachlich-rationalen oder eher aus situativ-affektiven Gründen? All dies sind Fragen, die die Persönlichkeit betreffen. Die Forschung hat hierzu zwar verschiedene Ansätze entwickelt, allerdings ist die Identifikation und Messung der Variablen schwierig, die bisherige Erklärungskraft verhältnismäßig gering und die Integration in theoretische Modelle nach wie vor eine große Herausforderung. Werte und Ideologien Dem gesunden Menschenverstand folgend ist es eigentlich klar, dass persönliche Wertorientierungen und damit verbundene Ideologien einen Einfluss auf das Wahlverhalten haben müssten. Die großen Konfliktlinien säkular vs. religiös, liberal vs. autoritär, links-materialistisch vs. rechts-materialistisch haben schon seit Jahrzehnten einen großen Einfluss...

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